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Wolfgang Büscher: Deutschland, Eine Reise

11.01.2007

 
Solitärer Pfadfinder

Wolfgang Büschers Grenzerfahrungen mit Deutschland

 

“Selbsterfahrung” ist - zurecht - in Verruf geraten: als inflationär verbreitete literarisch-filmische Nabelschau von sich selbst überschätzenden Subjekten, bei denen es weder zur journalistischen Neugier, noch zur literarischen Substanz reichte. Der 1951 in der Nähe von Kassel geborene Wolfgang Büscher hat dem von Anfang an verkommenen Genre der “Selbsterfahrung” die Würde einer intensiven literarischen Aneignung verschafft, um der Welt durch seine subjektiven Erfahrungen an wechselnden Orten, unterwegs, mit Menschen in Städten und in Landschaften, eine Fülle von unterschiedlichen Erkenntnissen, Eindrücken und Phantasmen “abzulesen“. Das ist ihm mit einer erstaunlichen Leichtigkeit und stofflichen Triftigkeit gelungen, deren poetische Schönheit von Buch zu Buch gewachsen ist.

Erst ging er um Berlin (“Drei Stunden Null”), dann auf der Strecke ”Berlin-Moskau“ und schließlich hat er um die Bundesrepublik “Deutschland, Eine Reise” gemacht: in drei Monaten rund 3500 km zu Fuß oder mit dem Bus und per Anhalter. Dafür hat ihm der gut beratene Bundespräsident Köhler im vergangenen Jahr den “Ludwig-Börne-Preis” verliehen.

Wolfgang Büscher ist ein jüngerer literarischer Bruder W.G. Sebalds. Dieser kam vom Essay und der Germanistik, jener von der Reportage und dem Journalismus her. Beide wurden schreibend melancholische Erzähler, die ihre Stoffe beim Gehen und Wandern, beim Sehen und Erleben im Freien, beim Zuhören und Stöbern in der jüngsten deutschen Geschichte aufgelesen haben: Einzelgänger in changierendem Gelände unserer nachhallenden & - wirkenden Kollektiverfahrungen.

Nie aber kam Büscher dem 2001 verstorbenen Sebald näher, als jetzt mit seinem als Taschenbuch vorliegenden “Deutschland, Eine Reise”. Er hat es “umgangen”, buchstäblich, wortwörtlich - vom Niederrhein über Ostfriesland, die Nord- & Ostseeküste, entlang von Oder & Neiße, auf den Kämmen von Erzgebirge und Bayrischem Wald, an Donau & Inn, in Oberbayern und Unterschwaben, im Rheintal, der Pfalz, durch die “Schnee(e)ifel” und entlang der belgischen Grenze bis Kleve.

Wolfgang Büschers “Deutschland”, das Mosaik einer Herbst- & Winterreise, ist aber nicht nur ein Augen- & Ohrenzeugenbericht von einem, der auszog, den facettenreichen Fleckerlteppich Deutschlands aufzudröseln, wo er & es ausfranst ins Gespenstische, Verborgene und Absonderliche und die Hinterlassenschaften von Krieg, Zerstörung oder Verschonung zu erkunden; Wolfgang Büschers ebenso wunderliche wie wunderbare Deutschland-Passion, an deren Wegmarken sich einem Erinnerungen an Seume und Eichendorff, Büchners solitären “Lenz” und Hauffs geschichten-buntes “Wirtshaus im Spessart” aufdrängen (von Schuberts tieftrauriger “Winterreise” ganz zu schweigen), - : diese umrundende Einkreisung Deutschlands im Blick auf seine “Extremitäten” wird erst so recht zum Corpus einer kollektiven Imagination des unbekannten Vater- oder Mutterlands durch die diskreten Erinnerungsblicke, welche der aus dem ländlichen Hessen stammende Jung-Achtundsechziger Wolfgang Büscher während seiner jetzigen Deutschlandreise auf seine Biografie eröffnet.
Die ethischen und geschichtsnotorischen Impulse der Achtundsechziger zu einer deutschen Selbstvergewisserung prägen Wolfgang Büschers Recherche, die uns ein verborgenes, abseitiges, exzentrisches Land träumerisch und alptraumhaft vor Augen hebt.

So gegenwärtig wie geschichtstief ist diese große Erzählung einer einsamen Reise der Sehnsucht, die in einer sanft und verhalten ausschwingenden Prosa erzählt wird und sich nicht selten zu visionären Momenten eines magischen Realismus verdichtet. Zu dem vom Krieg völlig zerstörten Guben notiert Büscher: “Die Straßen, die überlebt hatten, streunten in der Gegend der früheren Stadt herum”. Ist die gespenstige Irrealität eines verlassenen Orts besser zu charakterisieren? Und nach dieser “Frontstadt” des “finis Germaniae” wird der Grenzgänger von der Schönheit der von den deutschen Geschichtskatastrophen verschonten Renaissancestadt Görlitz fast geblendet: “Wie schön das Land gewesen sein muss. Was wir verloren haben. Ich lief durch eine unfassbar heile Stadt”, ruft er aus. Als er dort am Abend, in der Nacht an seinem Hotelfenster steht und auf das schlafende Görlitz blickt, beschwört er den magischen Moment, in dem für einen Augenblick die Aura der Romantik wiederkehrt: “Es war der leichte Schlaf eines zeitsatten Orts. Späte Stimmen und Schritte, Lachen, Flüstern. Es gibt eine Nachtstille, die musikalisch ist, den Nachtfrieden alter Städte. Die abgedroschenen Gedichte, sie sind alle wahr”.

Jede Wette, dass die Leser von “Deutschland, Eine Reise” sich die Augen reiben werden: sei´s aus vielfacher Verwunderung über Schönheit und Schrecken der Büscherschen Entdeckungen, sei´s aus Rührung & innerer Bewegung über die Zartheit der Melancholie, mit welcher der reisende Erzähler seine Umrundung Deutschlands in Regen, Schnee und Eis innerlich erwärmt hat.

Wolfram Schütte


Wolfgang Büscher: “Deutschland, Eine Reise”
Rowohlt-Verlag, Reinbeck b. Hamburg, 2007.
rororo Nr. 24050, 250 Seiten, 8.90 ¤

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