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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:21

Ilse Aichinger: ein bilderbuch von stefan moses

24.01.2007


Eine Lebensgeschichte in Momentaufnahmen

Am 1. November 2006 ist Ilse Aichinger – eine der bedeutendsten und zugleich eigenständigsten Vertreterinnen der Gegenwartsliteratur – 85 Jahre alt geworden.

 

Geboren wurde die Tochter einer Ärztin und eines Lehrers 1921 in Wien. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland 1938 verlor ihre Mutter als Jüdin sofort Praxis, Wohnung und Stellung als städtische Beamtin; ihre Zwillingsschwester Helga konnte im Sommer 1939 nach England emigrieren. Nach dem Krieg studierte Ilse Aichinger bis 1947 Medizin.

Ein Jahr später erschien ihr Roman Die größere Hoffnung, der mit Recht als „Glücksfall für die neue europäische Literatur“ bezeichnet wurde – eine Aussage, die auch auf alle weiteren Werke aus ihrer Feder zutrifft, beispielsweise die 2001 unter dem Titel Film und Verhängnis veröffentlichten „Blitzlichter auf ein Leben“ oder ihre jüngsten Bücher Unglaubwürdige Reisen (2005) und Subtexte (2006). Ilse Aichinger, die ab 1953 mit Günter Eich verheiratet war, wurde mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, wie etwa mit dem Preis der Gruppe 47 (1952) und dem Großen Österreichischen Staatspreis (1995).

Anlässlich ihres Geburtstags ist nun ein Text-Bild-Band erschienen, wie er gelungener kaum sein könnte: Die Fotos stammen von Stefan Moses (Jahrgang 1928), dem vielleicht wichtigsten fotografischen Chronisten der Nachkriegszeit. Seit den siebziger Jahren begegneten die Schriftstellerin und der Fotograf immer wieder einander; zahlreiche Einzelaufnahmen und Fotoserien zeugen davon: Aichinger in der Küche, Aichinger im Garten, Aichinger beim Lesen, Aichinger im Gespräch – meist privat, selten öffentlich. An den grandiosen Bildern beeindruckt nicht zuletzt die Verbindung von Spontaneität und Inszenierung, aber auch die Freude am Spiel.

Die gut ausgewählten Texte stammen aus Aichingers sechs Prosabüchern und dem Gedichtband; sie gehen eine faszinierende Allianz mit den Bildern ein, wobei keine der beiden Kunstformen ihre Eigenständigkeit verliert. „Ilse Aichinger ist und bleibt die Dichterin des Unerledigten, die seit der ‚Größeren Hoffnung’ nicht davon ablassen will, dieses Unerledigte zu präsentieren. Wir müssen sie beherzt lesen, dann erst können wir ihre Ratschläge wirklich beherzigen: als unmittelbare Aufforderungen“, resümiert Michael Krüger zutreffend in seinem sehr persönlichen Vorwort zu dem wunderbaren Band.

Frank Thomas Grub


ILSE AICHINGER. ein bilderbuch von stefan moses.
mit texten von michael krüger und ilse aichinger.
S. Fischer Verlag 2006.
160 Seiten. 29,90 Euro.

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