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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:21

Brigitte Werneburg (Hg.): Inside Lemke.

24.01.2007

 
Cool, calm and collected

“Ich hasse Underground und unbequem sein und diesen akademischen Mist.”(Klaus Lemke)

 

Vielleicht war Schwabing Anfang der 70er ja wirklich voll bis zum Rand, bis unter die Dächer, mit strangen Sonderlingen, wie Wolf Wondratschek es rückblickend in “Menschen, Orte, Fäuste”beschreibt. Auch er war einer davon, genau wie Klaus Lemke, mit dem er an der Theke des Eiscafés Capri stand, die Wunden der Freiheit leckte und die Zeit vorbeitropfen sah: “ ... in der Hoffnung auf Glück. Größenwahnsinnig wie kleine Berge, zu alt für Motorräder, zu schüchtern für das ganz große Verbrechen.”

Obwohl beide alles daran gaben, ihre Zeit “kaffeelöffelweis” zu vertun, waren beide durchaus kreativ. Lemke wurde bekannt mit Filmen wie “48 Stunden Acapulco”, “Rocker” oder “Brandstifter”. Legendäre Filme, radikale Filme, nicht Mainstream, nicht Underground. Keine Schulade paßt richtig. Zu frivol für die politische, intellektuell ambitionierte Seite, zu anrüchig, zu sehr Straße für diejenigen, die es glatter mögen. Und doch hat Klaus Lemke bundesdeutsche Filmgeschichte geschrieben, bis zum heutigen Tag bei 38 Filmen Regie geführt, in unzähligen selbst mitgespielt oder mit am Drehbuch geschrieben. “Ein deutsches Traditionsunternehmen” nennt er sich. Eines das ohne Fördergelder einen unangepaßten Film nach dem anderen produziert und es schafft workoholische Nebeneffekte unter einer Super-Coolness zu verbergen.

München hatte in den 70ern in punkto Film einiges zu bieten: Fassbender, Werner Enke, Rudolf Thome und viele mehr, doch Aussagen der ehemaligen Entourage zu Folge war niemand so cool, so authentisch wie Lemke. “Cool, calm and collected”, kreiert er provokant lebendiges Kino, einen ganz eigenen Stil, fernab der großen Anerkennung. Gedreht wird mit Laien, die man in Schwabinger Umfeld findet. Drehbücher sind meist nur Kurzanweisungen, den Rest besorgt das Leben, die Szene und das Gespür Lemkes. Auf diese Weise hat er Karrieren in Gang gesetzt, wie von seinen Hauptdarstellern Cleo Kretschmar oder Wolfgang Fierek und jede Menge “ultrabrutalschöne” Frauen gefördert.
Was macht den Lemke-Stil aus? War Lemke der deutsche kleine Bruder der Nouvelle Vague oder der König von München? Oder der Einzelkämpfer, dessen Filme von der Kritik als Ablenkungskino, das den Zuschauer zur Konsumhaltung verführt, abgestraft wurde? Fragen, die sich an der Gegenwart brechen, denn Klaus Lemke ist aktiv wie eh und je. Obwohl er jetzt in Hamburg dreht, ist er sich treu geblieben, während die Wellen kommen und gehen.
Ein schöner Band, der jede Menge Zeitgeist komprimiert, aus einer Zeit als der den damaligen Zeitgeistern noch ziemlich egal war. Eine Hommage, die das trashige, das irrwitzige und widersprüchliche, die Liebe zum Moment und zur Kontinuität aufgreift und zu so etwas wie einem Lemke-Film macht, nur auf Papier eben.

Maggie Thieme


Brigitte Werneburg (Hg.): Inside Lemke.
Ein Klaus Lemke Lesebuch.
Schnitt - der Filmverlag 2006
284 Seiten, 14,90 EUR,
ISBN: 3-9806313-6-2

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