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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:22

John Gill u. a. (Hg.): Alien Nation.

14.03.2007


Hilfe – die Fremden kommen!

Sehr plastisch wird in dem englischsprachigen Band Alien Nation illustriert, dass "Alien" im Englischen sowohl Außerirdischer als auch Ausländer heißt.

 

Die Angst vor dem Fremden bzw. dem „Anderen“ scheint im Menschen tief verwurzelt. Allzu gern wird sie von Machthabern instrumentalisiert, um die eigene Herrschaft zu sichern: der gemeinsame, vermeintlich übermächtige – und natürlich im Hinterhalt agierende – Feind kann nur durch den Zusammenhalt der eigenen Gruppe besiegt werden. Und so lässt sich die politisch-historische Dimension des Kampfes gegen bzw. die Furcht vor unbestimmten „Aliens“ nahezu beliebig zurückverfolgen. Besonders rekurrieren die Ausstellungsmacher von Alien Nation jedoch auf die Zeit des Kalten Krieges und die vom Westen geschürte Angst vor einem Atomkrieg, einer „Kommunistischen Invasion“ oder heutzutage auf die Angst vor „Überfremdung“, vor Migranten bzw. Asylanten und die aktuelle Gleichstellung Muslim = Terrorist.

An mancher Stelle scheinen der gut und ausführlich aufbereitete theoretische Unterbau zur Darstellung des „Fremden“, der in den Katalogtexten angeboten wird, und die Bezugnahmen auf historisches Material (insbes. Filmplakate und film stills) die abgebildeten aktuellen künstlerischen Leistungen allerdings bei weitem zu überbieten. Umso bedauerlicher ist es, dass die zugehörige Ausstellung nicht in Deutschland zu sehen sein wird. Denn erst diese könnte vollumfänglich verdeutlichen, in welcher Art und Weise die zwölf beteiligten Künstler Inhalte und Form von Science-Fiction-Filmen oder Romanen vor allem der 50er-Jahre herangezogen haben, um sie in einen aktuellen kritischen Diskurs zu überführen.

In diesem Zusammenhang sehr hilfreich ist die Übersicht am Schluss des Bandes, in der in Kurzform die Materialquellen der 50er-Jahre präsentiert werden, auf die in den Texten zuvor Bezug genommen wird. Schön ist auch eine Reihe kurzer Statements der Künstler zu ihrer Arbeit – von Laylah Ali über Hew Locke („I consider myself as a bastard child of Kurt Schwitters and Pierre Bonnard“) bis Mario Ybarra Jr.

Die skurrilen Vorstellungen vergangener Jahre über Alien wirken aus heutiger Sicht vielfach komisch, die alten Filmplakate zum Beispiel belustigen mehr, als dass sie Furcht und Schrecken verdeutlichen könnten. Diese – unfreiwillige – Komik spiegelt sich in den aktuellen Arbeiten in Form ironischer Brüche. Keineswegs ist man also darauf aus, bei aller Ernsthaftigkeit des politisch-gesellschaftlichen Grundbezugs des Themas, einen bleischweren, politisch korrekten Band abzuliefern. Die Angst vor dem vermeintlich Fremdartigen wird immer auch ein wenig dem Gelächter preisgegeben – zum einen, weil diese Angst lächerlich unbegründet ist, und zum anderen, weil das Lachen die einzige „Waffe“ wäre, wenn mal ein echtes Alien aus dem Weltall unseren Weg kreuzen würde.

Von Olaf Selg










Abb.: Yinka Shonibare MBE: Dysfunctional Family (1999)

John Gill u. a. (Hg.): Alien Nation. Mit Texten von Claire Fitzsimmons, Jens Hoffmann, David Alan Mellor, Cylena Simonds, Greg Tate, Gilane Tawadros/John Gill. Hatje Cantz 2006. Engl. 120 S., 92 Abb.

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