Men in Black 3 - jetzt im Kino! Frankie Chavez: Family Tree TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Der FUTTERblog - streng verdaulich!
Samstag, 26. Mai 2012 | 00:22

Andreas Veiel: Kick

29.03.2007


Horror Vacui

“Was passierte, nachdem Sie auf dem Kopf von Markus Schöberl herumgesprungen sind?”

 

Im Juli 2002 erregte der brutale Mord am 17 jährigen Marinus Schöberl in einem Dorf in der Uckermark Aufsehen. Der Jugendliche wurde stundenlang gequält und nach seiner Ermordung in einer Jauchegrube verscharrt. Hauptverantwortlich für die Tat waren die Brüder Markus und Marcel Schönfeld. Die Medien bildeten die Fassungslosigkeit und Empörung angesichts dieser Brutalität ab, fanden darüber hinaus aber kaum Erklärungsmuster.
Der Psychologe und Filmemacher Andreas Veiel machte sich daran, in einer intensiven Recherche die Hintergründe dieser extremen Gewalttat herauszuarbeiten. Auf 1500 Seiten Interview Protokollen fußend, floß seine Analyse in das zusammen mit der Dramaturgin Gesine Schmidt erarbeitete und 2005 uraufgeführte Theaterstück “Der Kick”. Nur zwei Schauspieler stellen die insgesamt 20 Protagonisten szenisch dar. Die beindruckende Bühnenfassung wurde auch verfilmt. Für den gleichnamigen Dokumentarfilm wird Veiel den Dokumentarpreis der Evangelischen Filmarbeit bekommen.
Der Regisseur, bekannt für ausführliche Recherchen und Langzeit-Beobachtungen, hat sich auch schon mit seinem Film “Black Box BRD” an die Analyse der Hintergründe einer anderen polarisierenden Gewaltttat gewagt. In einem Doppel-Portrait wird der RAF-Angehörige Wolfgang Grams und der von der RAF umgebrachte Bankier Alfred Herrhausen gegen einander gestellt.

Seine Aufarbeitung des Mordes an Marinus Schöbel untersucht die vielfältigen Einflüsse auf Täter und Opfer wie das Verhältnis der Schönfeld Brüder, die politischen und sozialen Veränderungen nach der Wende, dieWeitergabe von Gewalterfahrung oder die Peer Mechanismen der rechten Jugendcliquen.
Andreas Veiel liefert keine allgemeingültige Formel, um das grausame Vorgehen gegen den Jugendlichen zu erklären. Auch das Buch legt sich nicht auf eine Schiene fest. Läßt sich weder auf die Diskussion über den negativen Einfluß der Gewaltfilme ein, obwohl der Film “American HistoryX”nachweislich das Vorbild für das Nachahmen des “Bordsteinkicks” darstellte. Noch zeigt es mit dem Finger auf die Familie. So wird auch einem nach dem Zusammenbruch der DDR im Osten entstandenen Wertevakuum nicht unbedingt die Schuld an der Verrrohung gegeben und doch spürt man den Verlust an Halt und Verantwortung an allen Ecken.

Verweigert auch schon der Film und das Stück die Bebilderung, verweist das Buch ganz auf die eigene Wahrnehmung. Leser und Leserinnen müssen sich allein im Dialog mit der unangenehmen Vielschichtigkeit der Tat auseinandersetzen. Dem Autor Veiel geht es nicht um schnell abpflückbare Sensationen, ihm geht es um die Bedingungen der Kultivation, von denen meist nur die bizarrsten Auswüchse wahrgenommen werden.
Seltsam klingt es, wenn vom Verlag gesagt wird, das Buch könne ein Instrumentarium zur Untersuchung ähnlicher Fälle darstellen. Was nützt die Liebe in Gedanken? Könnte es nicht auch ein Instrumentarium zur Verhinderung ähnlicher Fälle sein? Ein Lehrstück für Politik und Wirtschaft, zur Behebung, nicht der Gewalt an sich, aus menschlichen Zusammenhängen wohl nicht zu eliminieren, sondern der Vakuumisierung ganzer Landstriche, die, da grad nicht im Mittelpunkt ökonomischem und politischem Interesse stehend, sich gar nicht mal langsam mit den negativen Energien schwarzer Löcher füllen.

Maggie Thieme


Andreas Veiel: Kick.
Ein Lehrstück über Gewalt.
DVA, 2007, 288 Seiten,
14,95 EUR,
ISBN 13: 978-3-421-04213-2

Von der Verrohung des Bürgertums

Ja, die Welt ist schlecht, weil ungleich. Aber hurra – wir tun doch was! Das Netzwerk der »Tafeln« sorgt dafür, dass auch Hartz-IV-ler würdig ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Lämmer in der Obhut von Wölfen

Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...

Vorschlag zur Güte

Reiß mir bitte reiß mir doch

in meinen Etat ein Loch

stopf zwei drei deiner Sorgen rein

und bald wird wieder Frühling sein

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...

Ecce Homo

»Siehe, der Mensch!« - so wird allgemein Ecce Homo übersetzt. Napoleon soll Ähnliches zu Goethe bei ...