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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:23

J. Baggott. Matrix oder...

05.04.2007

Wie wirklich ist eigentlich die Wirklichkeit?

Jim Baggott, Physiker und renommierter Wissenschaftsautor, unternimmt eine interessante Reise in ein Gebiet, das durch die Frage nach der Wirklichkeit entsteht. Existiert sie überhaupt unabhängig von uns, die Wirklichkeit? Eine Antwort muss er uns leider schuldig bleiben.

 

Die Frage nach der Wirklichkeit und damit nach den Möglichkeiten, die Realität zu erkennen, ist eine Frage, die faszinierend und frustrierend zugleich ist. Sie ist weit gespannt und scheint, aus heutiger Sicht, prinzipiell nicht beantwortbar zu sein. Da sich die Menschheit aber seit Jahrtausenden mit ihr abmüht, sind eine Menge Überlegungen zu ihrer Differenzierung und eine beachtliche Anzahl Versuche zu ihrer Beantwortung entstanden. Die Wichtigsten lässt Jim Bagott in seinem Buch „Matrix oder wie wirklich ist die Wirklichkeit“ Revue passieren.

Nun ist Jim Baggott Physiker und ein renommierter Wissenschaftsautor dazu, was auch seiner Zugangsweise entspricht: So fängt er mit der sozialen Dimension der Frage an, nimmt einen Umweg über die Philosophie und leitet zielstrebig hin zur Physik, die einmal als die „Königin unter den Wissenschaften“ bezeichnet wurde, was ihrer Exaktheit und Zuverlässigkeit geschuldet ist. Hier merkt man, dass sich Baggott auf diesem Gebiet, besonders in der Quantenphysik, bestens auskennt. Dabei nimmt er den Leser mit auf eine Reise, welche die Möglichkeiten und Grenzen der Wirklichkeit und ihren Zugangsweisen aufzeigt.

Baggott schreibt anschaulich, unterhaltsam und teilweise sogar spannend. In vielen Kapiteln bemüht er dazu die Vorstellung vom Gehirn im Tank, eine Vorstellung, die im Film Matrix einem breiten Publikum anschaulich gemacht wurde. Das Thema Hyperrealität wird interessant und faktenreich thematisiert. Dabei erscheint der erste Teil besonders gelungen, denn die eindringliche Darlegung der von uns Menschen gemachten Wirklichkeit kann fesseln.

Eine rundum gelungene Beschäftigung mit der Frage nach der Wirklichkeit also, die erst trivial, dann aber immer schwerer zu beantworten ist, so könnte man denken. Im zweiten Teil umreißt Baggott deshalb die zentralen Aspekte der philosophischen Erkenntnistheorie, genauer: die menschliche Erkenntnisfähigkeit. Noch genauer gesagt: er versucht es. Dass nämlich viel Wissenswertes durch den sprichwörtlichen Rost fällt und gelegentlich sogar der Eindruck von Zusammenfassungen entsteht, überzeugt hier nicht ganz. Man hätte sich neue Entwicklungen im Rahmen des Radikalen Konstruktivismus ebenso gewünscht, wie neuere Aspekte der Hirnforschung. Auch die Anschaulichkeit leidet dabei.

Im dritten und letzten Teil, der sich mit der physikalischen Seite der Frage beschäftigt, und der wohl (für Physiklaien) der am schwersten zu lesende Teil ist, entwickeln sich Baggotts Ausführungen dann phasenweise zu einer echt trockenen Angelegenheit. Das ist auch durch die Anschaulichkeit von Schrödingers Katze mit ihrer makaberen Bildhaftigkeit nicht mehr zu ändern. So wird sich der Leser hier eben durchbeißen müssen. Schade nur, dass der Autor am Ende mit dem Eingeständnis schließen muss, dass ihm nach über dreihundert Seiten nichts anderes übrigbleibt, als seinen „Glauben an die Existenz einer unabhängigen wirklichen Welt zu beteuern.“ Wirklich stichhaltige Argumente dafür, so lernen wir, gibt es dafür nämlich nicht. Das klingt ernüchternd und sogar beunruhigend. Besonders wenn man bedenkt, dass Baggott am Anfang des Buches noch damit wirbt, „dass die Naturwissenschaften in den vergangenen Jahrhunderten deshalb so erfolgreich waren, weil sie uns Schritt für Schritt der Wahrheit über die Wirklichkeit näher gebracht haben.“

Frank Kaufmann


Jim Baggott. Matrix oder wie wirklich ist die Wirklichkeit
Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 2007
Taschenbuch. 9,90 Euro.
ISBN 3-499-62169-X

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