Die “Notes From Nowhere” stellen eine Chronik des Protests dar, in der in subjektiven Berichten, kämpferischen Träumen und zusammenführenden Analysen ein soziales Netzwerk reflektiert wird, das dezentral agiert. Zusammengetragen von einem Redaktionskollektiv, das aus englischsprachigen Aktivisten und Autoren, Künstlern, Fotografen und Indymedia-Mitarbeitern besteht, beschreiben sie das lose Netzwerk einer globalen Bewegung, als dessen größtes Plus, die Unterschiedlichkeit seiner Akteure, die sich u.a. aus Gewerkschaftlern, Umweltaktivisten, Anarchisten, Kommunisten, Künstlern zusammensetzt, gilt. Als Vorteile werden aber auch seine Beweglichkeit, die sowohl die räumliche als auch die thematische meint, gewertet.
Diese Heterogenität spiegelt sich in dem dicken Band der Berichte von weltweiten politischen Aktionen. Die Texte befassen sich mit so unterschiedlichen Themen wie den Landlosen in Brasilien, Guerilla-Gärtnern in New York, dem Kampf um Wasserrechte in Bolivien oder dem der Miganten in Frankreich um gültige Papiere. Obwohl eine übergeordnete ideologische Matrix fehlt, wirken die rebellischen Notizen einer Vereinzelung entgegen, indem jeder Aktion ein gleichberechtigter Raum gegeben wird.
Müßte es nicht trotzdem “Notes from everywhere” heißen? Denn es sind zum Teil die Orte rund um die Welt, wie Genua, Seattle, Prag, Quebec, etc., mit denen sich die Bewegung identifizieren läßt. Orte, die zu Meilensteinen des Protests wurden. Zum einen sind es die Städte, in denen die großen Gipfel der Welthandelsorgani-sation, des OECD und des G 8 stattfanden, aber auch relativ unbekannte Flecken, wie bspw. Millau in Frankreich, das hier mit seinem bekanntesten Vertreter, José Bové, für die Roquefort-Rebellion der Bauern der Gegend steht.
Getreu dem Grundsatz “Think global, act local”, werden die Fäden eines kollektiven Traumes gesponnen, auch mit den Hilfsmitteln der Globalisierung, wie dem Internet. Dabei bilden sich an verschiedenen Orten durchaus ähnliche Widerstandsformen heraus wie die Demo-Band “Rhytmus of Resistance” oder die “Infernal Noise Brigade”, die sich als musikalische Taktgeber eines Widerstands bezeichnen, der keine Führer mehr braucht. Die Rebellion ist kreativ, 1999 tragen in Londons Innenstadt 10.000 Protestierende Karnevalsmasken. Eine Interaktion, die nicht konsumiert, sondern mitgemacht wird und nicht auf der Bühne, sondern auf ebener Erde stattfindet. Etwas, was man sich auch von der Demokatie wünscht.
In Zeiten des Zerfalls der widerständischen Erzählungen, dem Zerplatzen kollektiverTräume, der Nivellierung des Zeitgeistes auf Neo-Consum, kann man erstaunt oder erfreut sein, über das Potential an Menschen, die mit “taktischer Frivolität” und großem Ernst darangehen, nicht alles hinzunehmen. Darauf vertrauend, dass die Sonne immer von unten auf geht. Ihre Notizen könnten auch als “Notes from: now here!” gelesen werden.
Maggie Thieme
Notes from Nowhere (Hg.): Wir sind überall
Nautilus 2007
Aus dem Englischen von Soja Hartwig
544 Seiten, 19,90 EUR,
ISBN: 978-3-89401-536-7