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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:23

Kai Havaii: Hart wie Marmelade

14.05.2007


Wir sind hart wie Marmelade

wir sind zäh wie ... wer weiß, wie es weitergeht?

 

Jeder zwischen 1950 und 1970 geborene Bundesbürger weiß es: Himbeergelee! Wer Anfang der 1980er-Jahre Radio gehört oder die Hitparade geschaut hat, kam um Extrabreit aus Hagen nicht herum. Zu „Hurra, hurra, die Schule brennt“ durfte man sich anarchistisch fühlen und gebärden, „Polizisten“ hat man lieber bei geschlossener Zimmertür gehört, Eltern mussten das nicht unbedingt mitbekommen. Wer mit dieser Musik großgeworden ist, der bekommt sie nicht mehr gelöscht – ein Refrain, und man ist wieder drin.

Extrabreit-Sänger Kai Havaii hat nun ein Buch vorgelegt, einen „Rock’n’Roll-Roman“ aus der Provinz. Letztendlich erzählt er die Geschichte der Band von den Anfängen bis heute, aber auch viel Persönliches, von der Musik Losgelöstes – insofern könnte dieser Roman auch als Autobiografie durchgehen. Die Kategorisierung als Roman mag andeuten, dass Havaii einige Passagen literarisch-funktional aufgepeppt hat, was ihm, wenn es denn so sein sollte, durchaus gelungen ist. Schon das Cover zeigt Flagge und die Marschrichtung, auf die sich der Leser einzustellen hat: eine verschmierte Bushaltestelle garniert mit Kippen, Rotz und braunen Halben, leer natürlich. Und auch das Autorenfoto ist stilvoll: Kai Havaii scheint in Würde älter geworden zu sein. Er trägt Anzug, Krawatte und Kurzhaarschnitt, wo viele in die Jahre gekommene „Rocker“ gern ihre Spandex-Hosen und langen Haare (mit wenig oder ohne Haar) präsentieren!

Rückblick auf die 70-er Jahre

Das Buch beginnt 1991 mit einer Festnahme wegen Drogenbesitzes: frisches Heroin aus dem Land der Tulpen. Nach kaltem Truthahn verschwitzte Verhöre, parallel zum neuen „Grüß-mir-die-Sonne“-Remix die Ehe am Ende. Aus dieser vermeintlichen Sackgasse heraus beginnt die Rückschau auf das Jahr 1975. Havaii heißt noch Schlasse, lebt in Hagen und nimmt sein schulisches Reifezeugnis entgegen. Nach einer unspektakulären Kindheit beginnt er, politisch aktiv zu werden – Flugblattarbeit als Trotzkist bei den Internationalen Marxisten –, die er bald aber wieder verlässt. Zivildienst nach absolvierter Gewissensprüfung. Noch immer politisch interessiert, zieht es ihn ins Szeneviertel Hagens (Wehringhausen) und zur Anti-Atom-Bewegung; Brokdorf ein Erlebnis, das seine Zweifel an staatlicher Exekutive bestärkt. Arbeit als Taxifahrer und Cartoonist, erste Erfahrungen mit leichten Drogen und die Erkenntnis, dass die „Mischung aus Künstler und Macher eine seltene und mitreißende Kombination war“, die in seiner kreativen WG, die eine Trutzburg gegen aufkommende „Verspießerung mit Müsli, Flachschlappen und Töpfergruppe“ war, gepflegt und (aus)gelebt wurde. Vielleicht wäre aus Kai Schlasse ein professioneller Grafiker geworden, wäre er nicht 1978 durch die Sex Pistols mit dem Punk infiziert worden. Und dann passierte es: Er stieß auf den Stromgitarristen Stefan „Kleinkrieg“ Klein und dessen Freund Horn, die gemeinsam mit Havaiis Nachbarn Horst-Werner musikalisch unter dem Namen einer Edding-Strichdicke firmierten: EXTRABREIT. Als deren Sänger sich in Richtung Solokarriere verabschiedete, wurde Havaii als dessen Nachfolger zwangsverpflichtet. Die anfänglichen Zweifel, ob er diesen Job ohne Vorbildung erledigen könnte, währten nicht lange – zu deutlich hatten Sid Vicious & Co. gezeigt, dass man nicht allzu viel können musste ... Eine Probesession besiegelte das Schicksal, der Wahnsinn nahm seinen Lauf. Erster Auftritt (und Geburtsstunde seines Künstlernamens) und kein Zurück: Er hatte Blut geleckt. Weitere Gigs vor größer werdendem Publikum folgten, die bei noch kleiner Gage immerhin für einen ständig steigenden Bekanntheitsgrad sorgten. Neue Songs, Auftritte, 1980 dann mit „Hart wie Marmelade“ die erste Single und bald das erste Album, das, bescheidenerweise „Ihre größten Erfolge“ betitelt, mit „Flieger, grüß mir die Sonne“ und „Hurra, Hurra ...“ bereits zwei waschechte Hits aufwies und die „Eintrittskarte in die bonbonbunte Welt der Bravo werden sollte“. Mit wechselndem Line-Up (der eine hatte Streit mit dem, dem anderen war das Album nicht „punkig“ genug) erlebte Extrabreit den Sprung in ein neues Kapitel, die „Neue Deutsche Welle“, die jetzt unaufhaltsam durch Funk und Fernsehen schwappte, zündete ihre Triebwerke. „Polizisten“ wurde der erste Charterfolg. Und weiter im Zeitraffer: zweites Album („Welch ein Land! Was für Männer“, das mein persönlich liebstes Extrabreit-Lied enthält: „Der Führer schenkt den Klonen eine Stadt“), Groupies en masse, die erste (von einer Plünder-Orgie begleitete) Autogrammstunde, später ein Duett mit Marianne Rosenberg („Duo Infernal“), dem noch einige dubiose folgen sollten, z. B. mit Harald Juhnke oder Hildegard „geschenkter Gaul“ Knef. Alles super, aber um es mit Trio-Frontmann Remmler zu sagen: Alles hat ein Ende, und auch der NDW-Zug fuhr irgendwann ins Nirgendwo –„Dem Goldrausch folgen Flops, Ecstasy auf Ibiza, schweres Schneegestöber zu allen Tageszeiten in New York, Heirat, Verhaftungen und Entziehungskuren, schließlich ein rauschendes Comeback“, das der Band mit ihrem 1.000sten Konzert im August 2005 in Hagen ein schönes Jubiläum bescherte.

Vielschichtiges Stück Zeitgeschichte

Hart wie Marmelade unterscheidet sich wohltuend von den Autobiografien, die ausschließlich auf die Berühmtheit ihres (zumeist nur Co-)Autors bauen. Das Buch zeichnet ein erfreulich vielschichtiges, an einigen Stellen sentimentales, auf politischem Background fußendes Stück Zeitgeschichte in handwerklich solider Ausführung. Die Sprache ist locker und unverkrampft, aber nicht flapsig – und vor allem an keiner Stelle beliebig. Wer gründlich liest, wird in Kai Havaii, der seit kurzem auch schon ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat, einen Menschen mit Idealen und Werten erkennen, der vieles versucht hat, der sich trotz einigen Unwegsamkeiten treu geblieben ist. Mit seinen Worten: „Es geht um die Wechselfälle des Lebens vor dem Hintergrund der Zeit.“

stefan heuer.


Kai Havaii: Hart wie Marmelade. Gustav-Kiepenheuer-Verlag 2007. 288 Seiten plus 29 Abbildungen. 19,95 Euro.

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in meinen Etat ein Loch

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