Im Olymp der Architekten sitzt Ludwig Mies van der Rohe bei den ganz Grossen, bei denen, die uns mit ihrer Hinterlassenschaft an Bauten, Projekten und Bildern noch lange beschäftigen, beeinflussen und befruchten werden. Dort oben ist die Luft dünn und das Leben einsam. Auch die architektonische Arbeit Ludwig Mies van der Rohes entwickelte sich in einer gewissen Einsamkeit.
Mies war kein umgänglicher Mensch, sondern ein distanzierter Rationalist, was Bauherren und Mitarbeiter, sogar seine Familie zu spüren bekam. Ein unbequemer Denker, der sich beständig weigerte, in seiner Verantwortung als Architekt Kompromisse einzugehen.
Provokation der spröden SchlichtheitMies freiwillige Beschränkung auf wenige Typen und Themen, die Ablehnung der Architektur als Selbstzweck und seine obsessive Vervollkommnung der konstruktiven Details verbrauchten viel Energie, führten ihn in seinen Lösungen jedoch zu einem Architekturdestillat, das sich "auf einen begrenzten, von ästhetischem Willen befreiten Formenschatz konzentriert und mehr dient als interpretiert".
Cohen beschränkt sich in seiner Untersuchung und Beschreibung des Werkes nicht auf die Meilensteine, die Mies in der Architekturgeschichte gesetzt hat. Er verfolgt die Verflechtung und Beeinflussung zwischen den in der jeweiligen Zeit herrschenden Umständen und der schöpferischen Persönlichkeit des Architekten ebenso an weniger bekannten Projekten, wodurch sich neue Linien und Bögen zwischen dem Architektenmythos Mies und seiner Zeit aufspannen, auch wenn Cohen dabei beim Leser einiges an historischem und kunstgeschichtlichem Kontextwissen voraussetzt.
Auf der Suche nach der wahren OrdnungMies, der 1886 in Aachen geboren wurde und 1969 in Chicago gestorben ist, baute sein erstes Haus mit zwanzig Jahren. Als er im hohen Alter von dreiundachtzig Jahren starb, war er immer noch in die Projekte seines Büros, wenn auch gesundheitlich eingeschränkt, eingebunden. Sechs Jahrzehnte architektonischer Hinterlassenschaft eines Mannes, der sich nicht leicht in gängige Architekturperioden eingliedern, geschweige denn auf einen "-ismus" reduzieren lässt, zeugen von seinem im Laufe der Jahre entstandenen Glaube an eine Ordnung, eine Wahrheit, frei von den Zufälligkeiten menschlichen Lebens. In all seinen zahlreichen Projekten und Bauten begegnet man der Suche nach einem absoluten, unabwendbaren Prinzip.
Von den ersten Villen und Landhäusern, über die Berliner Zeit, das Bauhaus, die schwierige Zeit während des Dritten Reichs bis zur Emigration und Etablierung in Amerika erhält der Leser in diesem Buch eine Ahnung von Mies Bestreben, "dass die Baukunst unsere Zivilisation ausdrücken soll – in ihren wesentlichen Teilen, nicht in den nebensächlichen Wünschen. Das Essentielle sollte herausgearbeitet werden, und das sehe ich als die eigentliche Baukunst an", so Mies in einem Interview, das seine Tochter Georgia 1968 mit ihm führte.
Jean-Louis Cohen, Architekt und Kunsthistoriker, geb. 1949 in Paris, bis 2003 Direktor des Institut français d`architecture und Professor für Architekturgeschichte am Institute of Fine Arts der New York University, erweitert das Spektrum der Persönlichkeit und der Projekte des Architekten insbesondere durch die Fülle an Bildmaterial und die vielen Zitate, die dem Buch eine persönliche Note geben, welche Mies aber selber wohl gerne vermieden hätte.
Birgit Seidel

Abb.: Neue Nationalgalerie, Berlin, 1962-1968, Fassadenausschnitt
Jean-Louis Cohen: Ludwig Mies van der Rohe. Birkhäuser Verlag AG, 2007 (2. erw. Auflage). 191 S. 119 Farbabb., 43 s/w Abb., 41 Strichzeichnungen. 37,29 ¤ ISBN-13:978-3-7643-7959-9