Zeitsprung zurück in die 70er: 1972 ist das Jahr, in dem Jon Naar das erste "tag" eines "writers" fotografiert hat. In den Wochen und Monaten danach hat er Hunderte Fotos gemacht, welche die sich ausbreitende New Yorker Graffiti-Szene dokumentieren.
Die zwei Texte von Sascha Jenkins und Jon Naar machen deutlich, dass das, was heute in seiner vielfach gegebenen Einfallslosigkeit nicht gerade zur Verschönerung der Städte beiträgt – aber was kann eine hässliche Vorstadt schon schöner machen? – in seiner Ursprungszeit insbesondere an seinem sozio-politischen Hintergrund zu messen ist. So interessiert denn auch Jenkins und Naar weniger die Antwort auf die Frage "Kunst oder Kritzelei?" als die Motivation der Writer: In einer Art Sprache der Straße wollten insbesondere die Unterprivilegierten im öffentlichen Raum einen Weckruf verbreiten – "Wir sind auch noch da, kümmert euch um uns!" Und es war schon sehr geschickt, sich die überall herumfahrenden U-Bahn-Züge und Busse als kostengünstiges Verbreitungsmedium auszusuchen, um dem Bürgertum die Präsenz der Benachteiligten unübersehbar aufs Auge zu drücken.
Die Motivation, durch Graffiti bzw. Writing auf sich aufmerksam zu machen, muss sich seit den 70ern bis heute nicht unbedingt wesentlich geändert haben. Wohl aber die Ausführung der Graffitis. Narr umreißt die Entwicklung kurz: vom "'primitive' writing" zum "complex 'baroque' type of composition". Jenkins nennt die stilistische Entwicklung "more elaborate", einher gehend mit einer Art Verdrängungswettbewerb: "And then the trains would become so covered with graffiti that there would eventually be no room for more. What's next? Get big. Bigger. And bigger still. Go over others to the point where there is no record of their existence. More colorful. More psychedelic. Add clouds, flames, bubbles. Arrows, stars."
Der Band "the birth of graffiti" dokumentiert die Phase vor diesem barocken Ausbruch. Er zeigt authentisch die weniger bekannte, hässliche Seite von New York, in der die vielen Writer versucht haben, sich in der Wirklichkeit festzuschreiben – und sei es nur zum eigenen Vergnügen, wenn man den eigenhändig beschrifteten U-Bahn-Zug immer wieder an sich vorbeifahren sieht.
Von Olaf Selg

Jon Naar: The birth of graffiti. Prestel 2007. Flexo-Cover. 174 S., 155 Abb., Engl. 19,95 ¤ ISBN 978-3-7913-3796-8