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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:29

Thomas Karlauf: Stefan George

13.12.2007

Der heilige George
Jahrzehntelang hat sich die deutsche Literaturwissenschaft mit dem Dichter Stefan George schwer getan. Und dies durchaus nicht zu Unrecht: Der legendäre George-Kreis mit seinem pathetischen Unterwürfigkeitskult, Georges unrühmliche Rolle als Stichwortgeber der deutschnationalen Kräfte und viele andere äußere Umstände haben den Blick auf seine Dichtung nachhaltig getrübt. Thomas Karlaufs kluge und gewichtige Biographie versucht mit erfreulich differenziertem Blick nun erstmals, Georges Leben jenseits der bekannten Mythen nachzuzeichnen.

 

Die Eingangssequenz der großen, neuen Stefan-George-Biographie Thomas Karlaufs führt dem geneigten Leser die Grundessenz des Georgeschen Werkes nahezu programmatisch vor Augen: Der 23jährige literarische „Newcomer“ George umwirbt – nebenbei bemerkt vergebens – das 17jährige Dichtertalent Hugo von Hofmannsthal. Dabei scheint sein Begehren nicht unbedingt nur literarischer Natur gewesen zu sein. Literatur und Leben, Ritus und Dichtung sind in Georges Werk untrennbar miteinander verbunden.
Die deutsche Literaturgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts kennt kaum eine andere Figur von einer derartigen Strahlkraft weit über die literarischen Zirkel hinaus, kaum eine andere Dichtung von einer solch immensen gesellschaftlichen Relevanz. Dies zeigt jedoch auch schon eines der klassischen Probleme jeglicher intensiverer Beschäftigung mit Stefan George. Seine Dichtung ist überwuchert von seinem oftmals befremdlichen Auftreten. Wer tiefer in die Materie eintauchen will, muss zuerst das Dickicht der Vor- und Fehlurteile durchdringen, das im Übrigen der Meister selbst zeitlebens noch nach Kräften gepflegt hat.
Thomas Karlaufs Biographie gibt dem Leser das Instrumentarium für diese schwierige Aufgabe in die Hand. Karlauf hilft uns, im reichhaltigen George-Kosmos nicht die Orientierung zu verlieren, und dünnt in angenehm unaufdringlicher Art und Weise das gewaltige Arsenal der George-Mythen kräftig aus. Von diesem Standpunkt aus betrachtet handelt es sich zweifelsohne um eine der wichtigsten Leistungen der letzten Jahre im blühenden Genre der populärwissenschaftlichen Biographie. Wer allerdings von Karlauf ausführliche Werkbeschreibungen oder zumindest eine profunde Einführung in das Werk Georges erwartet, kann sich die Lektüre dieses Buches getrost schenken.

Ein Liebhaber der deutschen Jugend

Die Dichtung Georges fungiert bei Karlauf als Stichwortgeber – des Meisters Gedichte als vor allem biographisch aufzulösende Schlüsselliteratur. Dies führt an vielen Stellen des Buches in der Tat zu höchst brauchbaren Ergebnissen. Karlauf argumentiert schlüssig und lässt seine Phantasie nicht allzu weit schweifen. Der außerordentliche, in den Augen vieler Zeitgenossen fast metaphysisch anmutende Reiz der Georgeschen Verse allerdings kann jedoch dem lernwilligen Leser auf diese Weise nicht unbedingt vermittelt werden.
Dies ist nun allerdings schon der einzige größere Vorwurf, den man Karlaufs opus magnum überhaupt machen kann. Mit stupender Quellenkenntnis, scharfem Verstand und – dankenswerterweise – angemessener Distanz zu seinem Gegenstand erschafft der Autor das Panorama einer untergegangenen Epoche, deren Brüche nicht nur in der allgemeinen geistigen Landschaft sondern bereits in ihren exponierten Vertretern selbst angelegt sind: Stefan George, Liebhaber und Förderer einer deutschen Jugend, die sich zu einem großen Teil aus deutschen Juden zusammensetzte; gleichzeitig aber auch, Stefan George, der Prophet eines neuen deutschen Weltreiches, der ein hohes Amt in der nationalsozialistischen Kulturpolitik nicht aus moralischen Bedenken, sondern aus elitärem Dünkel heraus ablehnt. Irgendwo zwischen Weltmann und Bingener Provinzler pendelt sich dieses Portrait ein, zwischen Genie und grenzenlosem Größenwahnsinn.

Die charismatische Herrschaft

Geschickt verknüpft Karlauf Georges curriculum vitae mit Werk und Leben anderer Geistesgrößen seiner Zeit. Sehr plastisch führt er beispielsweise vor, wie eng Max Webers Begriff der „charismatischen Herrschaft“ mit dem Kreis um George verbunden ist. Überhaupt, der Kreis: Das Rätsel, warum sich bedeutende deutsche Denker vom Kaliber Karl Wolfskehls, Friedrich Gundolfs und Ernst Kantorowiczs – diese Liste ließe sich nahezu beliebig erweitern – dem Dichter andienten, ihn zum Teil abgöttisch verehrten, kann auch Karlauf nicht restlos klären. Sehr wohl gelingt es ihm allerdings das Dunkel um die internen Macht- und Liebeshändel zu erhellen. Ohne die bedingungslose Gefolgschaft seiner Vertrauten wäre Georges breiter Erfolg undenkbar gewesen.
Zwar mag Karlaufs Konzentration auf die unterschwellige homoerotische Komponente des George-Kreises manche Leser etwas befremden, sie wird jedoch nie voyeuristischer Selbstzweck, seine Sprache bleibt immer angemessen diskret. Auch der Verlockung, Georges letzte Lebensjahre einseitig auf Claus Schenk Graf von Stauffenbergs Hitler-Attentat zulaufen zu lassen, hält Karlauf Stand. Stauffenbergs – im Gegensatz zu seinem Bruder Berthold – eher marginale Rolle im Kreis wird nicht zugunsten einer politischen Lesart aufgewertet.

Ein Standardwerk zu Leben und Wirken Stefan Georges

Der Leser bleibt am Ende der Lektüre des 650 Seiten schweren Fließtextes – mit weiteren 150 Seiten Fußnoten und Literaturverzeichnis – naturgemäß mit einigen Fragen zurück, die auch Karlauf nicht klären kann. Der George-Kosmos lässt sich eben auch mit der gewaltigsten Anstrengung nicht in nur einem Buch vollständig entschlüsseln. Gerne würde man auch noch mehr zur George-Rezeption im Nationalsozialismus erfahren. Gerade hier hätte der Leser von Karlaufs Fähigkeit zu ausgewogenen und differenzierten Urteilen sicherlich profitiert.
Doch Karlauf hat sich ganz bewusst entschlossen, die schwierige Rezeptionsgeschichte weitestgehend auszublenden und George vor allem von seinen Wurzeln, seiner Entwicklung her zu beleuchten. Dies mag bedauerlich erscheinen, ist aber auf alle Fälle legitim. Karlaufs Biographie mit ihrem umfangreichen Fußnotenapparat kann durchaus auch wissenschaftlichen Ansprüchen Genüge leisten. Sie ist das überfällige Standardwerk zu Leben und Wirken des umstrittenen Dichters Stefan George.
Das Werk des Meisters müssen wir nun selbst entdecken, uns damit auseinandersetzen und uns ein Urteil bilden. Es finden sich hier von großen Momenten deutscher Sprachfertigkeit bis hin zu schauderlich pathetischer Männerbundlyrik allerhand Preziosen und Kuriositäten. Also lieber Leser, komm in den totgesagten park und schau.

Sebastian Karnatz


Thomas Karlauf: Stefan George.
Die Entdeckung des Charisma
Karl Blessing Verlag, München 2007
816 Seiten, Preis: 29, 95.

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