Mitunter läuft sie. Und manchmal sieht man ihr Spiegelbild in Regenpfützen, Glasscheiben oder Spiegeln. Auch wenn die junge Frau im Mittelpunkt der Bilder steht, verstellt sie doch den Blick auf die Umgebung, die Menschen, die Orte, nicht. Beide stehen fast gleichberechtigt nebeneinander, begegnen sich in kurzen Momenten und berühren einander doch kaum.
Der britische Fotograf David Bailey ist Anfang zwanzig, als er im Januar 1962 nach New York reist und mit einem Fotoshooting für die britische "Vogue" Maßstäbe setzt. England wird mit dieser Modestrecke als neuer Fixpunkt der Popkultur etabliert. Marit Allen, eine der wichtigsten britischen Moderedakteurinnen der 1960er Jahre, formuliert es Jahrzehnte später so: "Bailey (und sein Modell) bereiteten in New York den Boden für das, was Mode von da an sein sollte. Sie haben die Welt auf den Kopf gestellt. Mode war nicht mehr steif und statisch. Kein Pose aus dem Fotoatelier." Hatte Bailey bis zu diesem Zeitpunkt überwiegend im Fotostudio gearbeitet, nimmt er nun die amerikanische Metropole als Kulisse. Die übliche Infrastruktur der Modewelt fehlt beim Shooting: Es gibt keinen Assistenten, Stylisten oder Visagisten. Das Modell Jean Shrimpton ist die Freundin des Fotografen und zu dieser Zeit bereits ein Star. So frisch und unverstellt war sie bisher nicht inszeniert worden. Und die Modefotografie kannte diese jugendliche Energie in der Bildsprache, die Lust an urbanen Szenarien und Hintergrundgeschichten, noch nicht.
Der Steidl Verlag hat nun die neun Aufnahmen des Fotozyklus aus der "Vogue" vom April 1962 mit zusätzlichem Bildmaterial in einem edlen Band herausgebracht hat. Es ist das sechste Buch des Verlages über den 1938 in London geborenen Bailey, der in den 1960er-Jahren zu einem gefeierten Modeinterpreten wurde und insbesondere den Stil von "Vogue" prägte. Der kurze und informative Einführungsessay von Martin Harrison erklärt den kulturgeschichtlichen und biografischen Hintergrund. Danach folgen, ganz klassisch, die Fotografien, in hervorragender Druckqualität. Die Abzüge stammen von den Originalnegativen.
Zur Bedeutung der Fotos, der neuen Art der Modefotografie heißt es bei Marit Allen weiter: "Plötzlich gab es etwas, dem junge Leute sich zugehörig fühlten, wo sich sie ausleben konnten." Heute scheint es jedoch nur schwer verständlich, dass ein paar Modebilder derartige Wirkungen erzielen konnten, erzielen durften - ein Unverständnis, dass auch das vorgelegte, schöne Fotobuch nicht ausräumt.
Von Nina Peters und Matthias Struch

Abb.: From New York: Young Idea Goes West, 1962.
David Bailey: NY JS DB 62. Mit einem Essay von Martin Harrison. Steidl Verlag 2007. 72 S. mit 3 Farbtafeln und 24 Tritone-Tafeln. 40 ¤ ISBN 978-3-86521-436-2.