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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:30

Lewis Hyde: Die Gabe

27.03.2008

Vom Wert der Gabe

Lewis Hydes präzise Analyse der Gaben-Sphäre bleibt trotz allem idealistischem Impetus konsequent realistisch und wirkt somit herrlich subversiv und unideologisch zugleich. Ohne den Geist der Gabe, so lässt sich Hydes Werk zusammenfassen, wäre unsere Welt ein ganzes Stück ärmer. Von FRANK KAUFMANN

 

Eins gleich vorweg: Dies ein großartiges Buch, ein facettenreiches und schillerndes Buch, das mit der großen Farbpalette virtuos spielt und das Zeug zu einem echten Klassiker hat; zugleich ist es ein hochaktuelles Buch, während der weltweite Kommerz zur gigantischen Hochform aufläuft und das Denken und Handeln tendenziell auf die ökonomische Sachlage verpflichtet. Verwunderlich und eigentlich unerhört, dass dieses Werk in dem so ziemlich das Gegenstück zum „freien“ Markt verhandelt wird, fast dreißig Jahre brauchte, um endlich, bereichert um ein kürzlich aktualisiertes Vor- und Nachwort, auf Deutsch zu erscheinen. Man spürt in jeder Zeile, dass der Autor – der hierzulande wenig bekannte Lyriker und Essayist Lewis Hyde – es aus einem existenziellen Anliegen heraus geschrieben hat, um auf sehr inspirierende Weise die künstlerische mit der allgemeinen Problematik von Gabe und Tausch in großartiger Weise zu amalgamieren.

Das Problem der Kreativen

Wie jeder geistig Kreative war Hyde selber viele Jahre lang dem Problem ausgesetzt, wie er materiell und damit geistig überleben kann, wie er sich als „Dichter, Übersetzter und »frei schwebender Gelehrter« über Wasser“ halten soll. Dem Markt und dem ökonomischen Denken war dies freilich egal, zählen hier doch nur Waren, die man im Tausch gegen andere Waren mittels Geld erwerben respektive verkaufen kann. Daraus folgert Hyde zurecht, dass Kunst und Kreativität zunächst einmal Geschenke, also Gaben und keine Waren sind. In einer Welt nun, in der es immer verstärkter darum geht, mehr zu bekommen als zu geben und die Gabe somit ihren Wert verliert, droht der nicht marktwirtschaftlich etablierte Kreative unterzugehen. Mehr noch: „Solange diese Grundannahmen gelten, nagt ein beunruhigendes Gefühl des Trivialen, ja des Wertlosen, an allen, die im Dienste einer Gabe arbeiten und keine Waren im engeren Sinne herstellen. Wo wir unser Wesen an den Erwerbungen bemessen, da fehlt den Gaben des Begabten die Kraft, ihm eine Substanz zu geben.“

Eine Theorie der Gaben

Aus dieser Kernthese, dass Kunst und Kreativität zunächst immer erst Gaben sind, spinnt Hyde ein feines und sehr überzeugendes Netz, das sich wie eine Antithese zur weltweiten ökonomischen Marktideologie lesen lässt. Anthropologische und ethnologische Studien, aufbauend insbesondere auf den grundlegenden Essay Die Gabe von Marcel Mauss, fließen ebenso in seine Überlegungen zu seiner „Theorie der Gaben“ ein, wie ausgesuchte Stücke aus der Literatur (u.a. Märchen in denen Gaben einen meist symbolischen Charakter haben); Teile der Wirtschaft(sgeschichte) sind ihm ebenso relevant, wie solche der Psychologie. Ausgehend von der Sicht der Gaben-Sphäre, beleuchtet Hyde den parasitären Aspekt der Marktwirtschaft, weil häufig kulturelle Werte mittels Aneignung von Eigentumsrechten ähnlich wie ökologische Ressourcen ausgebeutet werden; er erweitert seine Argumentation, nennt gesellschaftliche Bereiche, in denen ebenfalls der Markt die Werte der Gabensphäre kommerzialisiert und aufsaugt. Die Grundlagenforschung, das Eigentum am menschlichen Genom wird ebenso kritisch reflektiert, wie etwa die Privatisierung des Trinkwassers. Unablässig verwandeln sich vor unseren Augen nicht nur Kunstwerke, sondern allgemein Ideen und Sachen, die einst oder bis vor kurzem Gemeingut und für alle zugänglich waren, in Privateigentum, um alsbald nur noch als Waren zum Verkauf zu stehen. Die Totalkommerzialisierung gewinnt vor dem Hintergrund der Theorie der Gaben eine geradezu erschreckende Qualität.

Wie es nicht geht: Der Fall Ezra Pound

Natürlich haben sich schon lange Künstler und Kreative über diese Diskrepanz zwischen dem eros der Gaben und dem logos des Marktes Gedanken gemacht – zwischen dem Geben und Nehmen einerseits und dem kalten Tausch des Marktes andererseits. Mit den Dichtern Walt Whitman und Ezra Pound ruft Hyde im zweiten Teil des Buches zwei „Kronzeugen“ auf, die darüber beredt Auskunft geben. Besonders an Ezra Pounds praktizierter Gabenästhetik wie an seinen Wirtschaftstheorien zeigt sich aber nun überdeutlich, wie wunderbar die gelebte Gabe einerseits, wie fatal destruktiv sie aber auch andererseits wirken kann, wenn sie als radikale Abkehr vom Markt gelebt und insbesondere ihrerseits ideologisiert wird. Sosehr Pound nämlich im Geist der Gabe lebte und anderen Künstlern unendlich half, sosehr verdrängte er die Geld-Sphäre (psychoanalytisch gesprochen) in seinen „Schatten“, also in jene Teile des Selbst, die nicht im Ich integriert werden – mit höchst fatalen Konsequenzen. Ausführlich zeigt und analysiert Hyde den geistigen Prozess, den Pound damit erst in die Arme der Faschisten und Antisemiten trieb, um nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Gefängnis und wenig später sogar für viele Jahre im Irrenhaus zu landen.

Beides hat seine Berechtigung: Gaben- und Markt-Sphäre

Je mehr es Hyde gelingt, die gesellschaftliche Bedeutung der Gabensphäre wieder an den ihr gebührenden Platz zu stellen, um so deutlicher werden auch und gerade dadurch ihre Grenzen sichtbar. Niemand, auch Künstler und Kreative, zumal sie erst einmal Anschluss an den Markt gefunden haben und dort ihr Auskommen finden, können und wollen sich der globalen Tauschökonomie gänzlich entziehen. Die Gabensphäre als geistig gesunder Gegenpol aber wieder in ein breiteres Bewusstsein zu rücken, wie es Hyde in diesem durch und durch inspirierendem Buch vormacht, um letztlich ein Gleichgewicht zwischen dem logos des Markes einerseits und dem eros der Gabe andererseits erst einmal wieder und ohne die sonst üblichen ideologischen Belastungen zu denken, und womöglich da und dort wieder zu (re)institutionalisieren, bleibt gerade in Zeiten schier grenzenloser ökonomischer Generalmobilmachung Ansporn und Notwendigkeit zugleich. Hydes präzise Analyse bleibt trotz allem idealistischem Impetus konsequent realistisch und wirkt somit herrlich subversiv und unideologisch zugleich. Ohne den Geist der Gabe, so lässt sich Lewis Hydes Werk zusammenfassen, wäre die Welt ein ganzes Stück ärmer.

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