In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es eine wichtige Strömung in der deutschen Kunstfotografie, die institutionell an der Kasseler Kunsthochschule verankert war und sich bescheiden „Fotoforum“ nannte. Initiator und treibende Kraft dieser Bewegung war Floris M. Neusüss, dem es gemeinsam mit renommierten Fotokünstlern, jungen Talenten, Fotohistorikern und Ausstellungsmachern um das unbescheidende Ziel eines Paradigmenwechsels in der zeitgenössischen Fotografie ging: weg von der zweckhaften Lichtbildnerei, die letztlich nur zum reinen Abbilden geeignet schien, hin zu frei nutzbaren Werkzeugen der Kunst. Und tatsächlich bekam zwischen 1972 und 1982 die neue Fotografie von Kassel aus maßgebliche Impulse, letztlich auch wichtige Anstöße zur Anerkennung der Fotografie als künstlerisches Medium. Fotografien gelten seither als galerie- und museumswürdig, wobei die documenta 5 und später die documenta 6 Meilensteine auf dem Weg dorthin waren. Vorausgegangen war allerdings die intensive Arbeit im Kasseler Fotoforum, in dem konsequent die Möglichkeiten der Lichtbildkunst in jede erdenkliche Richtung erforscht, erkundet und reflektiert wurde, worüber nun der vorliegende Band einen umfassenden Überblick gibt.
Zustande gekommen ist dieser auf über 200 Seiten gestaltete Band im Kern durch das persönliche Archiv von Neusüss, das seinen Weg von Kassel nach Halle in das Kunstmuseum Stiftung Moritzburg gefunden hat, und durch T. O. Immisch in einer umfangreicheren Sammlung integriert wurde. Anlässlich der letztjährigen Ausstellung entstand dieser Bildband, der neben Fotoklassikern, etwa von Bernd und Hilla Becher, Bernd Johannes Blume, Charles Wilp, Gilbert & George und Arnulf Rainer, auch Bilder von eher unbekannten Namen enthält, und die keine große Karriere gemacht haben. Abgerundet wird der Band durch ein aufschlussreiches Gespräch zwischen Herbert Molderings, Renate Heyne, Immisch und Neusüss, sowie durch diverse Aufsätze, die sich ganz unterschiedlich zu den Fotografien in Bezug setzen. Dass sich die zweite Avantgarde zu Recht so selbstbewusst gibt, wie sie es tut, indem sie sich auf die erste Avantgarde unter Berufung auf die Bauhaus-Legenden wie etwa Man Ray und Moholy-Nagy explizit bezieht, wird durch dieses materialreiche Werk plausibel dokumentiert. Nichts weniger als „ein Standardwerk in jeder Bibliothek der künstlerischen Fotografie“ ist hier entstanden, wie es in der Begründung für den Deutschen Fotobuchpreis 2008 heißt.
Frank Kaufmann
Die zweite Avantgarde
Das Fotoforum Kassel 1972 bis 1982
Herausgegeben von T.O. Immisch und Floris M. Neusüss
Gestaltung: Klaus E. Göltz
Mitteldeutscher Verlag Halle 2007