Es ist noch gar nicht so lange her, da hat Boris Becker für die Telekom Werbung gemacht. Vor dem Computer sitzend war er plötzlich „drin“, ohne es zunächst zu merken - was wohl zeigen sollte, wie problemlos man doch mit dem roten Riesen ins weltweite Netz kommen kann. Heute erscheint das Problem, wie man Eingang ins Internet findet, geradezu lächerlich. Permanentes Online ist (beinahe) die Regel, das „Drinsein“ etwas ganz Normales. Ganz im Gegensatz zum wirklichen Leben. Denn während die Nutzerzahlen der virtuellen Welt nach oben schnellen, schließt die Gesellschaft immer mehr Menschen aus ihren Reihen aus.
FunktionslosSolche Menschen sind draußen, werden überflüssig, weil sie nichts oder nicht mehr genug zum Funktionieren der Gesellschaft beitragen. Sie sind vom sozialen, ökonomischen und politischen Leben abgeschnitten. Von ihnen zeichnet Bude ein deprimierendes Bild. „Sie haben keine oder eine nur schlecht bezahlte Arbeit, ihr Freundeskreis wird immer kleiner, mit ihrer Gesundheit geht es bergab. Immer mehr Menschen sind von den Segnungen des Wohlstands ausgeschlossen und haben keine Hoffnung mehr, dass sich daran etwas ändert.“ Dabei handelt es sich nicht mehr um "Die-da-unten", die es immer gegeben hat, sondern auch um die ganz normale Mittelschicht, die sich vor gar nicht allzu langer Zeit vor sozialen Verwerfungen sicher wähnte. „Lebensläufe, die man für solide hielt, geraten ins Schlingern, weil Arbeitsplätze, die man sicher glaubte, wegbrechen. Die ungelernte Aushilfskraft kann es genauso treffen wie den hochqualifizierten Wissenschaftler.“
Der brüchige Boden unter den FüßenVon überall kann der Absturz erfolgen - das ist das Neue und auch die wichtigste Aussage dieses (auch in sprachlicher Hinsicht) überzeugenden Buches. Auch eine gute Ausbildung kann nicht verhindern, dass der Boden unter den Füßen wegbricht: Wer heute noch drin ist, kann morgen bereits draußen sein. Und Bude zeigt etwas, gerade für die Mittelschicht sehr Erschütterndes: auch die größte Anstrengung führt nicht mehr zum Erfolg. Immer mehr Menschen machen die „Erfahrung von der letztlichen Nichtigkeit zielgerichteter Anstrengungen.“ Bude zeigt eindringlich die zentralen Milieus und ihre speziellen Problemlagen, wie etwa die ostdeutsche Jugend auf dem Lande, die städtischen Exile gescheiterter Existenzen, das Drama der alleinerziehenden Mütter, das spektakuläre Gebaren junger Männer aus Migrantenfamilien, auch die traurige Situation von prekär arbeitenden Kreativen. Stets legt er den Finger auf die vielen Wunden, zeigt gesellschaftliche Krater, wo zunächst nur Löcher vermutet werden, und weist auf ihren gemeinsamen Nenner hin.
Trend: abwärtsIn diesem Buch überzeichnet Bude allein schon des Fokus wegen stets ins Negative, um Aufmerksamkeit für die geschilderten Problemlagen zu erzielen und sie klar herauszustellen. Gleichwohl zeigt er sehr deutlich, wie die Zukunft der heute immer noch relativ wohlhabenden Mittelschicht aussehen könnte: Vieles deutet darauf hin, dass sich der beschriebene Trend zum Ausschluss und Abstieg fortsetzt. Leider bleibt er bei dieser düsteren Diagnose stehen, die in eine noch düstere Prognose mündet. So brillant nämlich seine Ausführungen sind, so wenig erlaubt er sich Auswege aus dieser verfahrenen Situation wenigstens anzudenken – es bleibt bei den üblen Aussichten. Daher lässt er den Leser auch ziemlich ratlos zurück. Es bleibt bei einem deprimierend-realistischen Eindruck der gesellschaftlichen Wirklichkeit und Zukunft. Immerhin mag dies den nötigen Druck für Veränderungen erhöhen, auf die Möglichkeiten ihrer Gestaltung will sich Bude nicht einlassen. Dies ist um so mehr schade, weil die gesellschaftliche Wirklichkeit aus dieser Perspektive eine Schicksalshaftigkeit bekommt, die ihr nicht zukommt. Doch man mag sich trösten: Vor der Therapie kommt die Diagnose. Diese liefert Bude auf eloquente und sehr überzeugende Weise.
Frank Kaufmann
Heinz Bude: Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft, Carl Hanser Verlag, 141 Seiten, 14,90 ¤, ISBN 978-3-446-23011-8