Höchst zögerlich und mit vielen Jahren Verspätung wurden seine Arbeiten für die Presse ins Deutsche übertragen. Nun liegt der 5. Band des journalistischen Werkes auch bei uns vor, ein kiloschweres Buch von 700 Seiten, das die Artikel erfasst, die Márquez in einem Zeitraum von über 20 Jahren, von 1961 bis1984, zumeist für die spanische Tageszeitung
El País schrieb.
Editionen wie diese kämpfen normalerweise mit dem Problem, dass sie Texte versammeln, die ihr Haltbarkeitsdatum schon lange überschritten haben. Die Gelegenheitsarbeiten des journalistischen Brotberufs, zu dem Schriftsteller manchmal greifen, um sich ihre literarischen Projekte zu finanzieren, besitzen oft wenig über den Tag hinaus gehende Relevanz. Dies trifft sicherlich auch auf viele der Glossen, Reportagen und Kommentare des vorliegenden Bandes zu. In diesem besonderen Fall kommt sogar noch die zeitliche und räumliche Distanz hinzu, die den deutschen Leser der Gegenwart von der Welt trennt, für die Márquez geschrieben hat. Die tagespolitischen Ereignisse, auf die sich der Autor bezieht, liegen stellenweise schon über 40 Jahre zurück; und wer kein intimer Kenner der lateinamerikanischen Geschichte ist, wird viele der edierten Texte nicht angemessen verstehen können.
Ein detaillierter Anmerkungsapparat hätte hier Abhilfe geschaffen, gleichzeitig aber den Umfang des Buches verdoppelt – ein unlösbares Dilemma also, das einen aber nicht davon abhalten sollte,
Dornröschens Flugzeug (eine unnötige Neubetitelung, die das schlichte
Notas de prensa des Originals wohl aus kommerziellen Gründen ersetzt hat) zur Hand zu nehmen. Denn viele der Gedanken, die Márquez aufs Zeitungspapier gebracht hat, sind auch heute noch lesenswert. Geistreich, wortgewaltig und unterhaltsam schreibt er über die verschiedensten und gerne auch abseitigen Mythen des Alltags: Die Angst vorm Fliegen, Hundekot in Paris, allerhand übersinnliche Phänomene (an die der magische Realist unbeirrbar glaubt), Wörterbücher, das Leid der Pflanzen und Schnittblumen, Sex auf Reisen oder die Straßenprostitution in europäischen Großstädten.
Bei der Lektüre lernt man schnell, dass die Grenzen zwischen Literatur und Journalismus fließend sind. Der in vielfacher Hinsicht künstlichen Unterscheidung der beiden Genres widmet Márquez selbst einen ganzen Beitrag, in dem es unter anderem heißt: „John Hersey, der ein guter Romanschriftsteller war, schrieb eine Reportage über das von der Atombombe verwüstete Hiroshima, und diese Reportage liest sich so spannend wie ein Roman. Daniel Defoe, der auch ein hervorragender Journalist war, schrieb einen Roman über das von der Pest gepeinigte London, und dieser Roman ist so packend geschrieben wie eine Reportage.“
Ganz in diesem Sinne führen uns einige Artikel der
Notas de prensa an die Schauplätze der fiktionalen Welt von Márquez, die magische Karibik. Anekdotisches, Kindheitserinnerungen oder unerhörte Begebenheiten des alltäglichen Lebens begegnen einem auf Schritt und Tritt. Dabei entsteht nicht selten das Gefühl, man habe es mit bester Erzählprosa zu tun und sei nur eine Seite weit entfernt von Macondo, dem phantastischen Mikrokosmos des Kolumbianers. (Es soll an dieser Stelle freilich nicht verschwiegen werden, dass sich in besagten Texten manchmal gewisse Eigenheiten störend bemerkbar machen, die auch das Lesevergnügen an Márquez' Romanen ein wenig trüben: der antimoderne Affekt, die nostalgische Ästhetisierung einer vormodernen Welt, eine bisweilen ins Kitschige abdriftende Feier des Lebens, das augenzwinkernde Kokettieren mit dem lateinamerikanischen machismo usw.).
Noch ein paar Worte zum politischen Autor Márquez, ohne die eine Besprechung seines journalistischen ¼uvres unvollständig wäre. Obwohl der Nobelpreisträger öffentliche Auftritte meidet („Ich habe vor Mikrophonen und Fernsehkameras genauso viel Angst wie vor Flugzeugen“) und auf den Schutz seiner Privatsphäre den größten Wert legt, verkörpert er doch wie kaum ein anderer den fast ausgestorbenen Typus des engagierten Schriftstellers. Immer wieder hat sich Márquez als mutiger Verteidiger der Menschenrechte erwiesen, was in Lateinamerika mit seiner an grausamen Despoten reichen Geschichte ein beträchtliches Maß an Mut erfordert. Daher ist es müßig zu erwähnen, dass ihm seine zahlreichen Interventionen nicht nur Freunde eingebracht haben: Wiederholt wurde Márquez im eigenen Land (und anderswo) als Nestbeschmutzer geschmäht und mit Repressalien, ja sogar dem Tode bedroht. Die Einzelheiten können hier nachgelesen werden.
Wie verhält sich nun aber der politische Aktivist zu Márquez, dem Romanautor? Hören wir ihn selbst: „Seit vielen Jahren setzt die Zeit immer wieder alles daran, meine Persönlichkeit zu spalten: auf der einen Seite der Schriftsteller, den sie ohne zu zögern als genial bezeichnen, und auf der anderen der böse Kommunist, der nichts anderes im Sinn hat, als sein Land zu zerstören. Da liegt ein grundsätzlicher Irrtum vor: Ich bin ein unteilbarer Mensch, und meine politische Einstellung entspricht der gleichen Ideologie, mit der ich meine Bücher schreibe. Nichtsdestoweniger hat man mich als Schriftsteller mit höchstem, teilweise schon übertriebenem Lob bedacht, während ich gleichzeitig als politische Figur Opfer übler, zum Teil infamster Verunglimpfungen wurde.“ Dieses Schicksal teilt Márquez mit zahlreichen seiner Schriftstellerkollegen, auch und gerade im deutschsprachigen Raum, von Heine bis Brecht, von Börne bis Peter Weiss. Dabei bleibt der Versuch, Poesie und Politik reinlich voneinander zu scheiden, ähnlich unfruchtbar wie das Unterfangen, Journalismus von Literatur zu trennen. Gabriel García Márquez, der sich den Gesetzen der künstlerischen Arbeitsteilung immer wieder verweigert hat, werden einseitige Etikettierungen ohnehin nicht gerecht. Dieser Band beweist es.
Rainer Barbey
Gabriel García Márquez: Dornröschens Flugzeug. Journalistische Arbeiten 5. 1961 – 1984. (Notas de prensa. Obra periodistica 5). Übersetzt von Svenja Becker, Astrid Böhringer, Lisa Grüneisen, Silke Kleemann, Ingeborg Schmutte. Kiepenheuer & Witsch 2008. 697 Seiten. 34,95 Euro.