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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:33

Oskar Kokoschka: Exil und neue Heimat 1934-1980.

17.07.2008

Alter Wilder?

Vielleicht sind sie bisher tatsächlich zu wenig wahrgenommen worden, die Arbeiten aus der zweiten Lebenshälfte des Österreichers Oskar Kokoschka (1886 – 1980). Dies mag auch daran liegen, dass man sie nicht so leicht einer bekannten Richtung, einem -ismus zuordnen kann.
Von Olaf Selg

 

Während viele der Werke aus seinen frühen Jahren natürlich dem Jugendstil oder dem Expressionismus und damit positiv konnotierten Strömungen zugerechnet werden, die Museumsbesucher und Käufer anziehen, entfallen diese schlagwortartigen Bezeichnungen offenbar für die Jahrzehnte ab 1930. Aber man hat mit dem Katalogtitel „Oskar Kokoschka: Exil und neue Heimat 1934-1980“ durchaus einen Ausweg aus dieser insbesondere (publizistischen) Misere gefunden, will man auf eine sprachliche Krücke wie „Spätwerk“ verzichten.

Es bleibt die Frage, ob es Kokoschkas hier präsentierten Arbeiten gut tut, abgetrennt von ihren künstlerischen Wurzeln präsentiert zu werden. Dies ist dann unerheblich, wenn man sein Frühwerk schon kennt. Ohne diese Kenntnis fehlt aber eindeutig eine Basis, insbesondere um seine Formensprache und Farbgebung entsprechend nachzuvollziehen. Doch gibt es genügend andere Publikationen, um dies nachzuholen, und als erste Hilfestellung im vorliegenden Band findet sich auch eine mit Bildern und Fotos gut illustrierte, tabellarische Biografie über sein gesamtes Leben.

Begründet werden kann die Werkzweiteilung zum Ersten durch das Exil, in das Kokoschka ungewollt mit einer Reise nach Prag im Jahr 1934 ging. Die politische Entwicklung in Österreich ließ ihn nicht mehr zurückkehren, sondern, nachdem auch die Tschechoslowakei von den Nazis teilweise annektiert wurde, ab 1938 nach England gehen, wo er jeweils auch die Staatsbürgerschaften annahm.

Zum Zweiten sieht der Direktor der Wiener Albertina, Klaus Albrecht Schröder, in seinem Vorwort die Arbeiten ab der Zeit in Prag im Kontext einer „Humanität, die das gesamte späte Schaffen Kokoschkas kennzeichnet“, im Kontext einer Kunst, die „dezidiert politisch Stellung beziehen“ soll. Die Bilder seien alle „von einem allgemeinen Engagement getragen, welches das so autobiografisch zentrierte, psychologisierende Frühwerk nicht aufweist“. Hierüber kann man sich im Einzelfall – oder bezüglich ganzer Werkgruppen wie Landschaftsbildern oder Still-Leben – durchaus streiten, aber als ‚moralische Grundfarbe’ kann man dies dem Werk Kokoschkas nicht absprechen. Werner Hofmann vertieft denn auch „Kokoschkas politische Kunst“ in einem eigenen Beitrag.

Weitere Texte befassen sich u. a. mit Städtebildern, Figurenbildern und den Skizzenbüchern, bevor im Katalogteil, insbesondere von Heinz Spielmann, Kokoschkas Stationen bzw. „neue Heimaten“ Prag (1934-1938), England (1938-1953), seine gelegentliche Wiederbegegnung mit Österreich (1945-1963) und sein letzter Wohnort Villeneuve in der Schweiz jeweils mit einem einleitenden Text und ausführlichem Bildteil vorgestellt werden.

Bleibt noch die Frage nach dem Exil. Hierzu wird Kokoschkas Frau Odla zitiert: „Ich glaube nicht, dass Oskar Kokoschka, solange er in Europa leben konnte, sein Leben als Exil empfunden hat.“ In seiner Kunst schlagen sich die Ortswechsel in der Tat nicht negativ nieder. Und so ist Kokoschka als europäischer Maler zu verstehen – mit ähnlichen Stationen wie etwa der europäische Literat Elias Canetti –, der in aller erster Linie und allen Widrigkeiten zum Trotz seiner Entwicklung treu geblieben ist.

Olaf Selg














Abb.: Das rote Ei, 1940/41

Antonia Hoerschelmann (Hg.): Oskar Kokoschka:
Exil und neue Heimat 1934-1980. Text von Gunhild Bauer, Katharina Erling, Antonia Hoerschelmann, Werner Hofmann, Edwin Lachnit, Artur Rosenauer, Heinz Spielmann. Hatje Cantz 2008. 328 Seiten, 320 Abb., davon 280 farbig. ¤ 39,80. ISBN 978-3-7757-2155-4

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