Der milde bis beißende Spott gegenüber der so genannten „Neuen Leipziger Schule“ ist inzwischen zu einem festen Topos der zeitgenössischen Kunstkritik geworden. Dass deren Hauptvertreter zumeist nichts außer einem gewissen Hang zur figurativen Gegenständlichkeit verbindet, scheint nichts weiter zur Sache zu tun. Erfolg macht schließlich verdächtig. Gut, dass Tim Eitel (geb. 1971), einer der ohne Zweifel renommiertesten Vertreter jenes Zwangsetiketts, im Schatten der omnipräsenten Verdikte das gemacht hat, was er am besten kann – malen.
Eine schöne Ausstellung (zuerst in Tübingen, dann in Dänemark und ab dem 20. September 2008 in der Kieler Kunsthalle) präsentiert nun die künstlerischen Früchte der letzten Jahre. Keine abgeschlossene Werkperiode, aber sicherlich eine Gruppe von hochklassigen Gemälden. Der Katalog konzentriert sich angenehm zurückhaltend auf Eitels neue Kreationen. Der kurze erläuternde Aufsatz Dörte Zbikowskis lässt den großformatig und in hoher Qualität abgedruckten Bildern genügend Raum, sich zu entfalten – die kunsthistorische Einordnung sollen und werden wohl auch andere vornehmen.
Das Beunruhigende im WirklichenDie ausgestellten Bilder auf einen Nenner zu bringen, fällt zunächst schwer. Eitel bleibt ein stilistisches Chamäleon, das auch vor zitatenreichem Eklektizismus nicht zurückschreckt. Eine scharfe, konturlose Konstruktionszeichnung stößt im selben Bild – in diesem Falle in „Graue Wolke“ von 2004 – auf ein bedrohliches, malerisches Wolkengebilde aus einer anderen Welt. Zwei künstlerische Modernen treffen da unter dem Deckmantel eines geheimnisvollen Neosurrealismus aufeinander und lassen den Betrachter beunruhigt zurück. Es ist eben jene Unruhe im Wirklichen, die Eitels neue Gemälde auszeichnet und ihnen auch in dieser allein durch die Entstehungszeit begründeten Bildauswahl einen gewissen roten Faden verleiht. Denn motivisch könnten die Unterschiede zwischen den einzelnen ausgestellten Werken eigentlich nicht größer sein. Der geneigte Betrachter sieht Menschen im Museum, eigenartige Stillleben, Boote, geometrisch figürliche Abstraktionen, Landschaftsgemälde und viele Gruppen- und Einzeldarstellungen vor zumeist dunklem Hintergrund.
Vielleicht ist es auch diese neue Dunkelheit, die als Klammer für die ausgestellten Werke dienen könnte. Nur selten dringt das volle Tageslicht in Eitels Malerei ein. Sie bleibt eine überaus reale Nachtphantasmagorie, deren malerisches Schwarz an die leuchtenden Dunkeltöne Manets denken lässt.
Ein Fest der Malerei
Die Welt ist unheimlich geworden in Eitels neuen Werken. Der Raum bleibt zumeist undefiniert und schwer fassbar. In einer seiner neuen Arbeiten – „Boot“ von 2004 – stellt er ein Ruderboot in einen mit zwei mächtigen Schwarzflächen begrenzten Raum. Das ruhige Wasser schimmert leicht bräunlich. Doch die beiden Ruderer – Dante und Vergil in Delacroix’ Barke? – fahren auf eine fast schon metaphysisch anmutende grau-weiße Fläche zu, die Hoffnung und Abgrund zugleich bedeuten kann. Derartige Rätselbilder sind Feste der Malerei, Kunst für das Auge und für den Intellekt. Sie setzen Assoziationsketten frei und thematisieren gleichzeitig – ohne gänzlich verkopft zu wirken – das Medium „Malerei“ selbst.
Im Gegensatz zu früheren Arbeiten erscheinen diese Werke reduzierter und genauer beobachtet. Sie sind das Konzentrat jener Welt, die Tim Eitel da draußen vorgefunden hat. Tauben auf einem Mülleimer werden ihr genauso zum Motiv, wie die Habseligkeiten von Bettlern und die staunende Betrachtung von Kunst. Dabei malt Tim Eitel keine Gesellschaftsstudien: Er transferiert das Gesehene, das Erlebte in seine eigene Bildwelt – eine Bildwelt, über die der Maler souverän gebietet. Insofern zeigen diese Gemälde immer auch einen Zug zum Abstrakten im Figurativen. Sie sind Ausdruck eines artistischen Willens an einem – nur angeblich – veralteten Medium festzuhalten.
Die kunsthistorische Literatur wird Eitel wohl später in eine Reihe mit den großen Melancholikern der neuzeitlichen Kunstgeschichte stellen. Und dies ist sicherlich ihr gutes Recht. Eitels Rückenfiguren sind oftmals Enkel jener einsamen Gestalten vor einem übermächtigen Raum, die auch schon Caspar David Friedrich und Edward Hopper faszinierten. Seine Malerei changiert zwischen Romantik, Realismus und l’art pour l’art. Sie ist heutig ohne morgen schon gestrig zu sein. Ein größeres Kompliment kann man einem zeitgenössischen Künstler wohl kaum machen.
Sebastian Karnatz

Abb.: Boot (2004)
Martin Hellmold, Dirk Luckow (Hg.): Tim Eitel. Die Bewohner. Mit einem Text von Dörte Zibowski. Hatje Cantz 2008. Deutsch/Englisch. 96 Seiten, 70 Abb., davon 45 farbig. 22,00 ¤. ISBN 978-3-7757-2119-6
Ausstellung: 20.09. bis 23.11.2008, Kunsthalle Kiel.