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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:37

Stefan Boness: Flanders Fields

12.02.2009

Trauma auf Feldern

In seinem Fotobuch Flanders Fields begibt sich Stefan Boness auf die Suche nach den Spuren des Ersten Weltkrieges rund um die belgische Stadt Ypern. Die beeindruckenden Landschaftsporträts hat sich Andrea Henkens für uns angesehen.

 

Typisch nordische Flachlandschaften, windschiefe Bäume, sattes Grün oder unberührter Schnee. Auf den ersten Blick beeindrucken die Fotos von Stefan Boness durch ihre Einfachheit. Aber dann fällt doch ein Detail ins Auge – Stein- und Holzkreuze, Gedenkstätten oder Bunkerreste im Hintergrund einsamer Landschaften, davor weidende Kühe oder rote Mohnblumen. Auch die Bildunterschriften stehen zu diesen idyllisch wirkenden Aufnahmen in Kontrast: Titel wie „Battle Wood“, „Crater“, „Crosses“, „War Cemetery“ oder „Battle Line“ weisen bereits auf ein heute nahezu in Vergessenheit geratenes Thema hin.

Der Fotograf Stefan Boness hat sich in seinem Projekt „Flanders Fields“, das zwischen 2004 und 2007 bei wiederholten Aufenthalten in Belgien entstanden ist, mit den Hinterlassenschaften des Ersten Weltkrieges auseinandergesetzt. In seinen sachlich-dokumentarischen Aufnahmen in der Tradition konzeptioneller Landschaftsfotografie beschäftigt sich Boness mit den Spuren des sogenannten „Großen Krieges“ in der Landschaft um Ypern. Die auf den ersten Blick harmlos erscheinenden Farbfotografien provozieren die Einbildungskraft des Betrachters und regen zu einer Auseinandersetzung mit der Geschichte an. Die dargestellte Landschaft mit den sichtbaren, aber auch den unsichtbaren Überresten des Krieges wird so zu einem Symbol für eine kollektive Erinnerung.

Der Erste Weltkrieg, der von 1914 bis 1918 andauerte, gilt als erster industrieller Massenkrieg, gekennzeichnet durch Material- und Abnutzungsschlachten, in dem mehr als acht Millionen Menschen starben. Insbesondere an der Westfront – im Nordosten Frankreichs und in Belgien – war der Krieg ein endloser Stellungskrieg, bei dem sich feindliche Truppen im Kampf um wenige Meter Landgewinn töteten. Ypern war stark umkämpft, deutsche Truppen versuchten mehrfach, die Stadt einzunehmen, wurden aber immer wieder zurückgeschlagen. Dem Leben in den Schützengräben, nicht zuletzt durch den ersten Einsatz von Giftgas in der Geschichte des Krieges seitens der Deutschen, waren viele der oftmals jungen Soldaten nicht gewachsen. Gegen Ende der Ypern-Offensive waren ganze Orte dem Erdboden gleichgemacht, die Landschaft verwüstet und über 500.000 Soldaten gestorben.

Klatschmohn in der Trümmerwüste

In seinem Fotobuch greift Boness, 1963 in Bad Schwartau geboren, studierter Diplompolitologe und in Berlin als freier Fotojournalist arbeitend, mit seinem Titel auf das Gedicht „In Flanders Fields“ von John McCrae zurück, das den Aufnahmen vorangestellt ist. McCrae hat seine Erfahrungen als Militärchirurg 1915 während des Ersten Weltkrieges in Verse gefasst und hierin seine Trauer und die Sinnlosigkeit des Krieges verarbeitet. Klatschmohn wird hier zum Symbol des Gedenkens der zahllosen Opfer des Krieges, denn Mohnblumen waren die ersten und einzigen, die in den Trümmerwüsten blühten. Das Rot der Mohnblumen ist assoziiert mit den Toten von Schlachtfeldern, insbesondere in Flandern. Und auch heute werden Mohnblumen von den vielen Besuchern mitgebracht – darunter sind nur selten Deutsche, und die eher verschämt, wohingegen jedes Jahr Hunderttausende britische Pilger die Gegend aufsuchen.

Flanders Fields steht somit als Metapher für die Gegend um Ypern, an dem unzählige Menschen ihr Leben ließen. Heute, 90 Jahre später, erscheint auf den ersten Blick nur noch Weniges dieses unermessliche Grauen zu zeigen. Doch hinter dieser Oberfläche der Normalität sind die Narben, die der Krieg in der Landschaft hinterlassen hat, noch auffind- oder zumindest spürbar. Und trotz der beeindruckenden Landschaftsporträts, die mit der Mamiya 6x7 entstanden sind, kann man sich der historischen Dimension dieses Projektes nicht entziehen.

Andrea Henkens


Stefan Boness: Flanders Fields. Text von Tanja R. Müller (Deutsch, Englisch, Niederländisch, Französisch). Berlin: Bildschöne Bücher 2008. 108 Seiten. davon 52 farbig. 35,00 Euro. ISBN 978-3-939181-15-6.

Zum Bildschöne-Bücher-Verlag


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