Hanns-Josef Ortheil ist in Köln geboren, wuchs in Wuppertal und im Westerwald auf, lebt nun in Stuttgart und lehrt Kulturjournalismus in Hildesheim. Doch seine wahre Liebe, seine ungebrochene Leidenschaft gehört Rom, der Stadt, in der er einst am Konservatorium studierte und dabei für immer dem Rausch des „Sehenswerten und Schönen“ verfiel. Unzählige Male kehrte er wieder – als junger Pianist, als Stipendiat der Villa Massimo, als Reisender und Flaneur –, so dass er insgesamt fast sechs Jahre seines Lebens dort verbrachte und um ein Haar eine eigene Wohnung erworben hätte. Selbstredend schlug sich seine Affinität zu Italien auch literarisch nieder: in Faustinas Küsse (über Goethe, den bekanntesten Rom-Reisenden überhaupt) oder den Weißen Inseln der Zeit.
Im Innern der Ekstase
Die nun unter dem Titel Rom: eine Ekstase erschienene Liebeserklärung kann gleichermaßen als Kochbuch und Reiseführer, Stadtplan und Architektur-Guide, Geschichtsbuch und philosophische Abhandlung gelesen werden. Es ist ein Hohelied auf den Genuss, auf jegliche Gaumen- und Sinnesfreuden. Ob Ortheil von den kulinarischen Vorlieben im alten Rom berichtet (Flamingozungen, Lammleber, Schweinsmägen), den Unterschied zwischen einem Flaneur und einem Promeneur aufzeigt oder den typischen Aufbau eines römischen Palazzo beschreibt, stets verbreitet er Wissens- und Staunenswertes in einem erstaunlich leichtfüßigen, fast beiläufigen Plauderton. Mehr noch: seine sorgsam komponierten und arrangierten Tableaus spiegeln eine sinnliche Lebenslust und fast euphorische Freude an Kunst, Literatur, Architektur wider. Man fühlt sich fast spürbar an der Hand genommen und von einem ortskundigen Connaisseur durch die ewige Stadt geleitet: mit großer Begeisterung zeigt uns Ortheil auch die Nebengassen, Ruheinseln, Aussichtspunkte und Geheimtipps. Detailverliebt gibt er Weinempfehlungen zu den passenden Speisen oder bestimmt exakt den geeigneten Standort eines Panoramablicks. Dabei spielen die üblichen Touristenmagneten eher eine untergeordnete Rolle. Wichtiger erscheinen Ortheil zum Beispiel die frühen Bilder von Caravaggio in der wenig bekannten Galleria Doria Pamphilii oder das minimalistische Ambiente der Pizzeria Ai Marmi in Trastevere.
Jenseits des Tiber
Ortheils fabulierendes Geschick zeigt sich dann in Höchstform, wenn der Leser in eine historische Rahmenhandlung entführt wird – sei es in den Kapiteln „Mit Filippo Miller unterwegs“ oder „Am Tiber und jenseits des Tiber“. Mal erleben wir einen typischen Tag Goethes, der sich in Italien sicherheitshalber einen Decknamen zulegt, dann spazieren wir mit dem Künstler Ettore Roesler Franz durch das Rom des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Egal, ob man dieses handliche Buch vor Ort als Reiseführer benutzt oder zu Hause im Sessel darin blättert: der liebevoll gestaltete Band, illustriert mit Fotografien der Ortheil’schen Kinder Lotta und Lukas und versehen mit zahlreichen außergewöhnlichen Rezepten, ist gleichermaßen eine Augenweide wie ein Lesegenuss. Eine hervorragende, als „Bücher-Menü“ titulierte Rom-Bibliografie und ein ausführliches Rezeptregister (als besondere Aufmerksamkeit sind alle vegetarischen Gerichte kursiv gesetzt) runden diese gelungene Neuerscheinung wohltuend ab. Wer nur einen Hauch Neugierde und Reiselust in sich verspürt, wird sich nach der Lektüre dieses Buches zu einem spontanen Rom-Trip animiert fühlen!