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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:39

Bilderschlachten. 2000 Jahre Nachrichten aus dem Krieg

11.06.2009

living room war

Was bedeutet es, wenn irgendwo „Krieg“ herrscht? Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Oder so viele Antworten, wie es Menschen gibt, die Krieg erleben und sich diese Frage stellen. Von OLAF SELG

 

Entsprechenden Einfluss haben die sich entlang des technologischen Fortschritts entwickelnden Medien, die den Krieg heutzutage zum "living room war“ (Michael Arlen), zum Wohnzimmerereignis machen. Ausgehend vom Andenken an die derzeit in Deutschland allseits abgefeierte und zur Mutterschlacht des Vaterlands stilisierten Varusschlacht hat man sich in Osnabrück die Aufgabe gestellt, „2000 Jahre Nachrichten aus dem Krieg“ mediengeschichtlich zu bilanzieren, unter dem sprechenden Titel „Bilderschlachten“ und aus den Blickwinkeln von „Technik – Medien – Kunst“.

Dieser Ansatz ist gut gewählt, denn er vermeidet es von Anfang an, vorzuspiegeln, dass man das Ereignis „Krieg“ authentisch bzw. aus erster Hand abbilden wollte. Einzig der Begriff „Nachrichten“ scheint nicht ganz zu passen: Er gibt vor, dass nur wertfreie und eher nüchterne Informationen präsentiert werden, die die bekannten (journalistischen) W-Fragen beantworten. Das ist zum Glück nicht der Fall, wie ein Blick auf die Vielzahl der Kunstwerke (etwa von Lynn Hershman, Gerhard Richter, Aleksandra Signer, Julius von Bismarck oder Wolf Vostell) zeigt. Aber der Begriff „Nachricht“ transportiert für den aufgeklärten Medienrezipienten ja schon längst implizit die Warnung „Vorsicht Manipulation!“. Denn wo immer es eine vermeintlich objektive Nachricht gibt, gibt es dahinter eine wesentlich komplexere Geschichte mit diversen Sichtweisen.

 

Thematische Bündelung und essayistischer Ansatz

Die Publikation „Bilderschlachten“ liefert viele dieser Sichtweisen und dokumentiert die Instrumente ihrer Vermittlung in verschiedenen Kapiteln bzw. „Sequenzen“, wobei die Entwicklung der Medientechnik und ihre künstlerische Adaptation eine grobe Zeitleiste bilden: Antike, Buchdruck, Schlachtengemälde, Optische Telegrafie, Illustrierte, Feldpost, Telegrafie/Telefon/Funk, Fotografie, Propaganda, Radio, Film, Fernsehen, Computer und Internet (allein das Multifunktionsgerät Handy kommt hier etwas zu kurz). Die sequenzbildenden Begriffe verdeutlichen eine gelungene Synthese aus thematischer Bündelung und essayistischem Ansatz bei der Bewältigung des reichhaltigen Materials, das dargeboten wird.

Nahezu alle Kapitel – leider nicht auch „Propaganda“ – werden von informativen, oftmals entwicklungsgeschichtlich bilanzierenden Aufsätzen begleitet. Die Vielzahl der Aufsätze und präsentierten Exponate bringt es allerdings mit sich, dass gelegentlich bei wichtigen bzw. bekannten Werken eine tiefergehende Erläuterung ausbleibt – ist zum Beispiel Robert Capas „Republikanischer Milizionär“ nicht tatsächlich das Produkt des makaberen Verlaufs einer Inszenierung? Dies und die fehlenden Werk- und Literaturverzeichnisse sind aber die einzigen größeren Kritikpunkte an der opulenten Publikation.

Wo immer es sinnvoll und möglich erscheint, erweitern die Kunstwerke den Blick auf die Thematik. In der Mischung aus tatsächlichen oder manipulierten Zeugnissen und deren tendenziell realistischer, symbolischer oder metaphorischer Reflexion in der Kunst, die dann immer auch eine Reflexion über das „Warum“ des Krieges in Gang setzt, liegt eine Stärke von Publikation und Ausstellung.

 

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