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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:40

Ostzeit. Geschichten aus einem vergangenen Land

03.09.2009

DDR oder Duisburg?

Natürlich: Es sind immer wieder typische Situationen oder Details zu sehen, die ins Bewusstsein rufen, aus welchem gewesenen Staat die Fotos in dem Band „Ostzeit – Geschichten aus einem vergangenen Land“ stammen. Aber was ist mit den Menschen? Von OLAF SELG

 

Die Bereitschaft zum Trinken, Rauchen, Feiern, Rumhängen oder Arbeiten, zur Verkleidung im ausgeflippten Punker-Outfit oder in zugeknöpfter Uniform, zum Aufmüpfig- oder Untertan-Sein, sie scheint, wenn nicht universell, so doch mindestens typisch deutsch zu sein. Auf der einen Seite bietet der Fotoband also Bilder von Menschen, die keiner Himmelsrichtung oder Ideologie eindeutig zuzuordnen sind. Es wäre wohl interessant, diese Bilder unter 20-Jährigen vorzulegen und zu fragen: Aus welchem Land stammen diese Aufnahmen? Glaubt man aktuellen Umfragen, wissen unsere jüngeren Mitbürgerinnen und Mitbürger nur noch wenig über die einst real existierende DDR und wie das Leben dort war. Auf der anderen Seite aber es gab das unbestreitbar Typische der DDR, die historische Dimension der Fotos wird auch nach 20 Jahren deutlich.

Hier zeigt sich ein Dilemma: Wie mit einer Vergangenheit umgehen, die eigentlich kommentiert werden müsste, da das Abgebildete als Erklärung für das Geschehene nicht genügt? Ein Fotoband ist allerdings kein Geschichtsbuch. Er darf an der Oberfläche bleiben, muss nicht in die Tiefe gehen. Dies wird auch in den drei Texten von Marcus Jauer („Was aus mir geworden wäre“), Alexander Osang („Zurück in die Zukunft“) und Ingo Schulze („Fast ein Märchen“) deutlich. Sie sind nicht aufklärerisch, sondern individuelle Auseinandersetzungen mit der eigenen DDR-Vergangenheit, in Erinnerungen, Projektionen, Träumen. Hier wird gelebte Ambivalenz deutlich: Nach dem Mauerfall mischt sich Bedauern über das Ende eines DDR-eigenen Gemeinschaftsgefühls (jetzt: „Es gibt in meinem Leben keine Aufgabe, die mich über meine Arbeit hinaus mit anderen verbindet. Ich habe für nichts Verantwortung außer für mich selbst.“ Jauer) mit dem Stolz, endlich Teil der großen weiten Welt geworden zu sein („Wenn ich Deutschland besuchte, schlief ich im Hotel Ich trug meine Adresse mit unbeschreiblichem Stolz in die Anmeldeformulare ein: 732 Carroll Street, Brooklyn, NY, 11215, USA. Nie werde ich diese Adresse vergessen.“ Osang).

 

Unbequemer Fingerzeig

Allein Wolfgang Kil nimmt in seinem abschließenden kurzen Text „Ostzeit – The Director’s Cut“ Bezug auf Entstehung und Bedeutung der Fotos in der DDR: „Bildzeugnisse wurden für das Hier und Jetzt gebraucht, möglichst zum sofortigen Gebrauch. Fingerzeige auf zumeist unbequeme Wahrheiten, Absagen an die Übermacht der Wunschwirklichkeiten, die in den offiziellen Bilderwelten herrschte.“ Diese kurze Passage zeigt: Man hätte auch andere Texte über die Zeit in der DDR schreiben können. Man muss aber nicht. Es gibt sie ja schon, etwa von Lutz Rathenow in dem Band „Ost-Berlin – Leben vor dem Mauerfall“, in dem sich auch schon viele der Bilder von Harald Hauswald und seiner Serie „Alltag“ finden. Dies deutet darauf hin, dass Fotobände und Texte über das Leben in der Ex-DDR nicht mehr rar sind (und das Wendejubiläum zu einem weiteren Boom beiträgt).

Die weiteren Serien in „Ostzeit“ sind von Sibylle Bergemann (Bilder aus dem Plattenbau Typ „P2“, aus dem heute weiterhin beliebten „Clärchens Ballhaus“ in Berlin-Mitte und der Entstehung des monumentalen Berliner Marx/Engels-Denkmals), Werner Mahler (u.a. Ortsbilder aus „Berka“, Bilder vom „Bergbau“ oder „Die Abiturienten“), Ute Mahler („1. Mai, Internationaler Kampftag der Arbeiterklasse“, „Zusammen leben“ und „Mode“ für die Frauenzeitschrift „Sibylle“) und Maurice Weiss („Umbrüche“ vom Mauerfall). Das Serielle verstärkt den Erinnerungsfilm (vgl. Harald Hauswald), intensiviert die Eindrücke der qualitativ gut abgedruckten Fotos. Sie kommen im Bildband sogar besser zur Geltung als in der zugehörige Ausstellung in Berlin. Hier erschwert die Beleuchtungssituation das Betrachten mancher Bilder und ihre Hängung wirkt etwas uninspiriert. Vorteil im „Haus der Kulturen der Welt“ ist jedoch der Praxisbezug der Arbeit der Fotografen, etwa durch Exemplare von Modezeitschriften, in denen die Fotos von Ute Mahler veröffentlicht wurden, auch wenn diese Beispiele ruhig stärker vertreten sein dürften.

Auffällig ist noch, dass die Bildunterschriften alle am Ende des Bandes versammelt sind und nicht bei den Fotos stehen. Damit trägt der Band dazu bei, den Eindruck von Zeit- und Ortlosigkeit des Gezeigten zu verstärken – DDR forever?

 

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