Essay - Die Nebengeräusche des Textes beim Vorlesen
21.09.2009
Knacken und Rauschen
JAN FISCHER ist gewandert, viele Wochen. Durch Deutschland, Belgien, Frankreich, von Hildesheim nach Bordeaux. Nicht alleine, sondern in einer kleinen Gruppe. Und abends gabs kein Fernsehen, sondern Literatur. Ein Essay über die Wiederentdeckung dieser lustigen kleinen Kulturtechnik namens Vorlesen.
„Lies weiter“, sagt Julia und reicht mir das Buch und die Stirnlampe. Wir liegen in den Dünen, angestrengt von der Tagestour, die Wanderschuhe neben uns aufgereiht. Es ist abends irgendwo am französischen Atlantik, die Zikaden schrillen, und Sterne. Marie liegt neben mir, hat sich in ihren Schlafsack gewickelt und die Augen geschlossen. „Lass uns aufhören für heute“, sage ich, „ist schon spät.“
Das Buch ist Es muss nicht immer Kaviar sein von Johannes Mario Simmel. Es geht um den deutschen Staatsbürger und englischen Bankier Thomas Lieven, der gegen seinen Willen als Spion in den Zweiten Weltkrieg hineingezogen wird. Aber natürlich geht es eher um ein Porträt der Gesellschaft im und nach dem Zweiten Weltkrieg. Außerdem geht es um Johannes Mario Simmel, der mit seiner Autorenfiktion herumspielt. Darum, und um Essen. Ich schnalle mir die Stirnlampe um den Kopf und lese weiter.
Kaviar ist das dritte Buch, das wir uns gegenseitig vorlesen, es ist das Buch, das Julia mitgebracht hat. Von Marie kam Brooklyn Revue von Paul Auster. Von mir Moby Dick.
Ich kann mir vorstellen, warum Julia Kaviar ausgewählt hat: Thomas Lieven bewegt sich ständig in den oberen Schichten der Gesellschaft, da, wo es große Häuser gibt, und gutes Essen. Alles, was wir auf unserem Weg von Hannover nach Bordeaux haben, ist ein Zelt und Nudeln überm Campingkocher.
Vier oder fünf Wochen vorher, als wir anfangen zu laufen, als wir statt drei Wanderer noch fünf sind, die sich selbst mit zu vielen Kilometern in der niedersächsischen Tiefebene überfordern: Die Brooklyn Revu. Das Buch handelt von einer Truppe Randexistenzen, die sich in Brooklyn zufällig über den Weg laufen, sich irgendwie zusammenraufen und mehr oder weniger nonchalant von einer Geschichte in die nächste stürzen. Das Buch handelt auch von Paul Austers Verschwendungssucht: Eigentlich ist es ein Roman, aus dem man locker fünf machen könnte. Marie hat es mehr oder weniger zufällig aus meinem Bücherregal gegriffen, es hat sie interessiert, und es war dünn und leicht genug, um im Rucksack nicht allzu sehr zu stören.
Danach, an dem Tag, als wir das erste Mal auf der Wanderung das Meer sehen, nach fast einem Monat in Südbelgien ist Moby Dick dran. Es ist ein verregneter Abend, aber wir laufen trotzdem noch an den Strand, trinken ein Bier und schauen aufs Wasser.
Aus jedem der Bücher übernehmen wir etwas, einen Witz, eine Geste: Beim Anblick dicker, bleicher Engländer am Strand ruft immer jemand: „Der weiße Wal! Da bläst er!“ Aber das sind nur unsere kleinen Insiderwitze, dafür lohnt es sich nicht, sich die Hacken abzulaufen. Wofür es sich lohnt, das ist die Wiederentdeckung dieser lustigen kleinen Kulturtechnik namens Vorlesen.
Das Buch wird zum Gruppenkörper
Es sind ja, als Amazons Kindle 2 herauskam, wieder diese Argumente der Entleibung der Texte herausgeholt worden, nach denen ein Buch angefasst werden können, abgenutzt werden, geknickt werden, die ganze Aufmachung genossen werden können müsse. Im Großen und Ganze sind das dieselben Argumente wie von Vinylliebhabhern, wenn sie gegen digitale Musik wettern: Erst das Knacken und Rauschen, sagen sie, macht die Musik zur Musik, alles andere sei steril und falsch.
Es ist noch nie jemandem eingefallen, das Entleibungsargument bei Hörbüchern anzubringen, warum auch: Die Stimme, die vorliest, verleiht dem Text ja die Eselsohren, das Knacken und Rauschen. Jeder von uns liest abends die Bücher ein bisschen anders vor, leiht den Büchern seinen ganz eigenen, ganz physischen Vorgang des Vorlesens, diese ganze Muskel- und Atemarbeit, die am schönsten ist im post-orgasmic chill, mit der Hand auf dem nackten Bauch des anderen, am Zwerchfell, wo sich die Textdynamik fühlen lässt. Es hat etwas Entblößerisches, vorzulesen, etwas Voyeuristisches, sich vorlesen zu lassen: Es ist ja schließlich der eigene Körper, dem man den Text da zur Verfügung stellt. Schlechte Werbung für Lesungen verspricht das ja schon: „Literatur zum Anfassen“, bei der man dem Autor „hautnah“ sei. Im Vorleser wird ja auch gegen Sex vorgelesen, nur ein Tauschgeschäft: Ein Körper gegen den anderen.
Ganz so pornographisch geht es bei uns abends nicht zu. Aber: „Der vorgelesene Text“, schreibt Mireille Schnyder in Literarische und religiöse Kommunikation in Mittelalter und früher Neuzeit, „der in der Regel sorgfältig und situationsbezogen ausgewählt ist, situiert das Ich des Zuhörers in einem Kollektiv und konstituiert es auf dieses hin.“ Da geht es zwar um religiöse Texte, aber es hört sich spannend an, erklärt unsere Insiderwitze. Es erklärt vielleicht auch diese seltsame inhaltliche Übereinstimmung: Sind wir nicht genau wie diese Randexistenzen bei Paul Auster vom Zufall bestimmte Wesen, die in ein Abenteuer trudeln, das zu groß für sie ist? Sind wir nicht wie Kapitän Ahab hinkend umhergerirrt auf einer unerfüllbaren Mission, von der wir manchmal gründlich die Schnauze voll hatten? Sehnten wir uns nicht wie Thomas Lieven nach Ruhe vor diesen ganzen verwirrenden Verstrickungen, in die wir da geraten sind, und vor allem nach gutem Essen? Ja natürlich, und wahrscheinlich hätte jedes andere Buch, dass wir uns vorgelesen hätten auch irgendwie gepasst, aber natürlich ist die Empathie stärker, wenn die ganze Gruppe dem Buch ihren Körper leiht und sich gegenseitig noch verstärkt: Das Buch wird dann also zum Gruppenkörper, und die Gruppe zum Durchlauferhitzer (oder in Anbetracht der Lesegeschwindigkeit: zum Kaltführungsmechanismus) fürs Mitfühlen.
Die Bücher werden dann magisch für uns, nicht weil sie vorgelesen werden, sondern aber weil sie vorgelesen werden, können sie magisch sein. Magisch, weil der Text sich unsere Körperfunktionen leiht. Magisch, weil wir plötzlich der Text sind, oder zumindest Eigenarten von ihnen übernehmen: Kapitän Ahab und Melvilles pedantischer Erzähler Ismael, Thomas Lieven, Paul Austers Bagage von Losern. Magisch auch, weil der Text in der Gruppe bleibt, sich dort verändert, noch einmal mehr erweitert wird, als würde man ihn alleine lesen: Der Dialog mit dem Text findet irgendwann ohne den Text statt.
„Ich habe schon wieder“, sagt Julia am nächsten Morgen, „davon geträumt, dass wir in den 30ern in Paris sind, wir hatte alle wunderschöne Kleider an, und du, Jan, hast gekocht.“
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