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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:40

Das Bauhaus

01.10.2009

Das Bauhaus lebt

Das Bauhaus lebt, zumindest als Legende. Es gibt wohl kaum eine andere Lehreinrichtung in Deutschland mit Schwerpunkt Architektur bzw. Gebrauchskunst, die ein solch anhaltendes Echo gefunden hat – während seines Bestehens und auch darüber hinaus. Wer kann schon regelmäßig jeden runden Geburtstag erfolgreich abfeiern, inzwischen den neunzigsten, so dass man sich fragt, was da wohl noch zum hundertsten kommen mag. Von OLAF SELG

 

War das Bauhaus ein „Modellversuch“ bzw. ein „Projekt“, wie man heute sagen würde? Jedenfalls war es keine statische, auf andere Verhältnisse einfach übertragbare Einrichtung. Die Arbeit an der Schule fand in einem besonderen Spannungsfeld statt: nahezu esoterischer Individualismus auf der einen Seite (der Lehre) und Suche nach einem funktional-ästhetischen Stil für die Anfertigung von Massenartikeln auf der anderen Seite (der Produktion). Zugleich gab es nach außen hin einen Zusammenhalt im gemeinsamen Kampf für ein avantgardistisches Konzept von Ästhetik, Kunst und Leben. Bauhausalltag waren aber auch Auseinandersetzungen, wie dieses Vorhaben in der Praxis umzusetzen sei, gab es von Unterricht zu Unterricht, von Werkstatt zu Werkstatt, von Direktor zu Direktor und von Standort zu Standort große Interpretationsunterschiede.

Diese Vielheit ist es denn auch, die es fast allen Rezipienten erlaubt, etwas für sich in irgendeinem Winkel des Bauhauses zu finden: Es gab Bodenhaftung und Mystizismus, Einzelgängertum und Kollektiv, Emanzipation und Männerbündelei, Natur und Technik, Avantgarde und Tradition, das Spiel mit dem Ball und den Ernst der Liebe. Prägend war für das Bauhaus natürlich auch die zeitliche Parallele zur Weimarer Republik und beider Ende mit der Machtergreifung der Nazis.

 

Dessau, Weimar, Berlin

Die wesentlichen Institutionen in der Traditionspflege Bauhaus haben sich 2009 zusammengefunden, um den Ausstellungsmarathon in Dessau, Weimar und Berlin mit einer gewichtigen Publikation zu begleiten: Modell Bauhaus weist den Weg durch die vierzehnjährige Bauhausgeschichte denn auch weniger im Stile einer Gesamtschau – wie etwa zuvor Magdalena Droste in der grundlegenden Publikation Bauhaus: 1919–1933 zum Siebzigsten –, sondern geht die Geschichte entlang von insgesamt 68 Werken und Ereignissen (Es finden sich auch keine Kurzdarstellungen der ganz unterschiedlichen am Bauhaus tätigen Direktoren und Meister wie Martin Gropius, Wassily Kandinsky, Paul Klee oder Gunta Stölzl).
Lyonel Feiningers „Kathedrale“ steht beispielsweise gleich am Anfang, beim Jahr 1919, da dieses Werk auf dem Titelblatt für Maifest und Programm des Bauhauses abgebildet wurde. Im Jahr 1922 sind u. a. Oskar Schlemmers Entwürfe für das Bauhaus-Signet prägend. Während dies noch deutliche Zeichen des Aufbaus einer Corporate Identity sind, finden sich 1923 oder 1924 zentrale Werkstücke wie die bekannten Tischleuchten (von Wilhelm Wagenfeld), das „Tee-Extraktkännchen MT49“ (von Marianne Brandt) oder 1926 der „Clubsessel B3“ von Marcel Breuer.

Zu jedem Jahr sind im Band darüber hinaus Zeittafeln mit Geschehnissen und Entwicklungen eingefügt – man erfährt zum Beispiel immer die Zahl der aktuell Studierenden –, so dass ein lebendiges, abwechslungsreiches Bild entsteht der am Bauhaus versammelten schöpferischen Kräfte, der Stimmungen, des Zusammenlebens, des Arbeitens und nicht zuletzt des Feierns.

 

Ausstellung ohne Überzeugungskraft

Dem kann man recht gut folgen, mal ist zwar eine Darstellung zu kurz geraten oder eine Marginalie zu bedeutsam dargestellt, man entdeckt jedoch in der Vielzahl der Werke und der zugehörigen Artikel mit Sicherheit Überraschendes. Im Gegensatz dazu wirkt die Ausstellung selbst zwar opulent, vermag aber in Gestaltung bzw. Dramaturgie nicht zu überzeugen. Dies mag u. a. daran liegen, dass man die zugehörigen Zeittafeln im Atrium versammelt, also aus den Räumen mit den Exponaten ausgelagert hat und so der rote Faden verloren geht. Während die Werke bzw. Gegenstände, die Skizzen und Pläne aber im Original ihre ganze Wirkung entfalten, muss wiederum für den Bildband stellenweise die Qualität der Abbildungen bemängelt werden. Diese wirken manchmal etwas matt.
Insgesamt bleibt es dem Leser-Betrachter von Modell Bauhaus an vielen Stellen selbst überlassen, inwiefern er Gemeinsamkeiten von oder Trennendes zwischen Kunstwerken, Personen und Lehrinhalten zu finden vermag. Dies könnte aber viel eher die Arbeitsweise am Bauhaus widerspiegeln als zwanghaft ein abgerundetes Bild vom Bauhaus zu geben.

 

Schule, Leben, Liebe

Der schmale Band von Boris Freiwald, das signalisiert schon die Serie „living_art“ und ihre Schreibweise, richtet sich an eine jüngere Leserschaft, die vielleicht erst auf dem Weg ist, Kunst(-geschichte) und damit auch das Bauhaus für sich zu entdecken. Die Aufmachung ist peppig und mit Affinität zu den „neuen Medien“ gestaltet, etwa durch die Leitfarben gelb, rot und blau, die abwechselnd für je ein Kapitel dominant sind, oder durch die Präsentation von Zitaten als besondere „spots“. Großer Wert wird auf die Illustration des Zusammenlebens durch Fotos gelegt. Der Haupttext ist eingängig und einfach strukturiert, wie beispielhaft die Kapitelüberschriften „Die Schule – Labor der Moderne“, „Das Leben – Freiheit, Feiern, Festnahmen“ und „Die Liebe – Werkstatt der Gefühle“ signalisieren: Der Band ist die ideale Einstiegslektüre zum Reinschmecken in das Leben und die Arbeit am Bauhaus.

 

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