Die einen schwören auf Camping, die anderen auf Jugendherbergen, die dritten auf All-Inclusive-Hotels. Doch ungleich spannender dürfte es sein, auf Reisen private Unterkünfte zu nutzen. Bereits in den 30er-Jahren kamen in den USA Wohnungstauschbörsen auf, die in Zeiten des Internets einen neuen Boom erleben. GlobalFreeloaders ist ein solches Netzwerk, Couchsurfing oder HospitalityClub sind andere. Was könnte auch anregender sein, um ein fremdes Land hautnah zu erleben?
Zu Gast bei Fremden
Der gebürtige Brite Brian Thacker, der – nach eigenem Bekunden – aufgrund des schlechten Wetters im Alter von sechs Jahren nach Australien emigrierte, hat als notorischer Vielreisender bereits 77 Länder besucht. Nach dem Studium als Tramper, später als Reiseleiter und Skilehrer, in den letzten Jahren als Schriftsteller. Neugier, Mut und Abenteuerlust dürften zu seinen wichtigsten Charaktereigenschaften gehören, gepaart mit den teils hedonistischen Interessen, die er auf seiner eigenen Homepage aufführt: „Travel, karaoke, eating lobster, sampling beer from around the world, cooking my award winning risotto, curling, Elvis Presley, a good curry, Manchester United, sleeping, Pina Colada …“
Keine schlechte Grundlage, um sich bei Couchsurfing.com zu registrieren, einer Plattform, die vor gerade mal fünf Jahren von einem jungen britischen Softwareingenieur ins Leben gerufen wurde. Über eine Million Mitglieder aus über 200 Länder haben sich dort bereits als potentielle Gastgeber gemeldet. Jeder von ihnen bietet eine kostenlose Couch zum Schlafen – inklusive Einblicke in sein Privatleben, seinen Freundeskreis, seine Hobbys, seinen Heimatort, sein Vaterland.
Von Soweto bis Santiago
Und so startet Brian Thacker eine kleine Weltreise durch ihm bislang unbekannte Städte und Regionen, geleitet durch die Willkür internationaler Flugpläne: von Reykjavik bis Rio de Janeiro, von Soweto bis Santiago de Chile, von Agra bis Antwerpen. Er übernachtet bei einem belgischen Arbeitslosen, einem türkischen Kulturredakteur, einem kenianischen Wildhüter und einer südafrikanischen Krankenschwester. Er bettet sein müdes Haupt auf einen mit Hundehaaren überzogenen Schlafsessel, ein luxuriöses philippinisches Sofa, eine Luftmatratze in einer isländischen Studentenbude, ein Bett auf einer zünftigen chilenischen Skihütte. Seine Gastgeber sprechen Afrikaans oder Portugiesisch, sie haben ihr Englisch mit den Alben des Electric Light Orchestra oder mit Star-Wars-Filmen gelernt.
Man muss schon so experimentierfreudig und unvoreingenommen wie Brian Thacker sein, um die gebotenen Chancen zu nutzen: Familienfeiern und Partys, Skitouren und Stadtrundfahrten, Alkohol und Drogen jeglicher Art. Genüsslich berichtet er von den Unternehmungen mit seinen Gastgebern, stellenweise etwas zu detailreich, doch immer witzig, faszinierend, amüsant. Ein herrliches Buch für alle Armchair-Traveller, Weltreisende und Hobby-Ethnologen.
Derzeit tourt Brian Thacker auf Lesereise durch Deutschland. Ob es im Vorfeld tatsächlich einen Wettbewerb unter deutschen Buchhändler gab (wie der Autor launig auf seiner Homepage behauptet), sei dahin gestellt. Auf jeden Fall ist die Chance groß, dass Thacker die eine oder andere Couch unter Bücherregalen vorfindet.