Will ein Künstler nicht zuerst den Weg durch die Akademien und Galerien nehmen, gibt es eine einfach zugängliche Bühne: die Straße, den öffentlichen Raum. Und im direkter Verknüpfung damit die Verbreitung als Medienereignis im Internet. Ob der Street Art-Produzent sich dabei selbst als „Künstler“ versteht, ist ebenfalls nicht so wichtig. Mancher will sicher erst einmal „Spaß“ haben und insbesondere auf sich aufmerksam machen. Ein subversiver Impetus war und ist einzelnen Street-Artisten sicher zu eigen.
Genauso gehört aber der Blick auf das weitere Kunstgeschäft dazu, wie im Band Street Art. Legenden zur Straße deutlich wird (vgl. z.B. den Aufsatz Heike Lüken: Street Art und der etablierte Kunstbetrieb. Szenen einer Entwicklung).
Geht man nach Anzahl und Sinnenschwere der im Band versammelten Artikel, könnte Street Art – „die intellektuelle Stiefschwester von Graffiti“ (Clara Völker) – als begriffliches Phänomen eine Kopfgeburt sein. Die Beiträge zum wissenschaftlichen Diskurs sind sicher nicht für die Straße gemacht, vielen Street-Artisten werden die inhaltlichen Feinheiten und historische Herleitungen sicherlich egal sein.
Das wiederum muss die Autorinnen und Autoren aber nicht tangieren, die keinesfalls fahrlässig und schon gar nicht oberflächlich mit ihrem Gegenstand umgehen. Dies betrifft insbesondere die Begriffsklärung und die Schwierigkeit, „Street Art“ nicht zu eng und nicht zu weit zu fassen, nicht vorschnell aus- oder abzugrenzen, aber auch nicht der Beliebigkeit Tür und Tor zu öffnen: Was vereint oder trennt beispielsweise Street Art und Graffiti? Endet Street Art automatisch an den Türen der Galerien, die diese Werke – von der Straße abmontiert oder als Fotografie – ausstellt?
Die begrifflichen Annäherungsversuche machen implizit deutlich: Entscheidend für die Authentizität von Street Art ist ihre Rezeption quasi im alltäglichen Vorübergehen. Das unterscheidet Street Art ganz wesentlich von aller Kunst im „White Room“: Diese muss der Rezipient aktiv in bestimmten geschlossenen bzw. abgegrenzten Räumen aufsuchen.