Im amerikanischen Traum scheint jegliche Wandlung möglich zu sein: vom Tellerwäscher zum Millionär, vom Wallstreet-Workaholic zum Reiseschriftsteller. So verwundert es kaum, dass ein frustrierter Bürohengst aus Manhattan eine vielversprechende Mail mit folgendem Wortlaut erhält: „Thomas, willst Du für unseren neuen Brasilienführer schreiben? Wenn Du Dir vorstellen kannst, kurzfristig für ein paar Wochen Deinen Job hinzuschmeißen und nach Brasilien aufzubrechen, lass es mich schnellstens wissen, dann kann ich Dir ein Angebot machen. XXX, Cheflektorin für Südamerika und die Antarktis bei Lonely Planet.
Drogen, Drinks und DJs
Angesichts dieser Option dürfte es ein Leichtes sein, nach einer Auseinandersetzung mit der tumben Chefin gänzlich die Segel zu streichen und die Firma an der Wall Street auf Nimmerwiedersehen zu verlassen. Ins Szenario passt auch, dass Thomas’ Wohnung eh vor Kurzem ausgeraubt wurde und somit dem Abflug quasi kein irdisches Gut mehr im Wege steht. Apropos Flug: den hat der frisch gebackene Reiseschriftsteller selbst zu finanzieren, genauso wie Unterkunft und Verpflegung. Doch wer wie Thomas bereits als Kleinkind mit den Hippie-Eltern durch die Weltgeschichte tingelte, dürfte mittlerweile eine gewisse Findigkeit entwickelt haben. Dass noch ein brotloser Abschluss in Lateinamerikastudien, gekrönt von einer Blitz-Promotion in Social Policy, hinzukommt, muss nicht von Nachteil sein.
Kaum vom letzten Alkohol- und Drogenexzess ausgenüchtert, jettet Thomas also mit einem überteuerten Last-Minute-Ticket nach Rio de Janeiro, um seine Recherchearbeit in Brasilien aufzunehmen. Nur noch 62 Tage bis zur Deadline – doch kein Schimmer von Nervosität. Schließlich ist unser Autor ein wahrer Haudegen: unerschrocken und frech, großkotzig und aufschneiderisch, zudem gesegnet mit einer unglaublichen Hybris. Zielsicher lässt er kein Klischee aus: Sex mit Flugbegleiterinnen, Koks-Konsum in schmierigen Absteigen und todesmutige Überlandfahrten. Ständig unter Strom stehend, hechtet er von einem amourösen Abenteuer zum nächsten, von Partys, Playmates und Pools zu Drogen, Drinks und DJs.
Backpacker-Bibel
Doch der Job will erledigt werden. Unübersehbar driftet Thomas auf die finale Deadline zu, während er noch seine liebe Mühe hat, die formalen und inhaltlichen Richtlinien für die Backpacker-Bibel einzuhalten. Leicht panisch kämpft er mit Formatvorlagen und Kartierungsregelwerken, mit Styles und Icons, mit Hotelkategorien und Busverbindungen. Die eigentliche Lonely-Planet-Zielgruppe ansprechend (20% Backpacker, 20% wohlhabende Individualtouristen und 60% breite Masse), sollte er zugleich die Bedürfnisse von „allein reisenden Frauen, Behinderten, Vegetariern und Veganern, Schwulen, Lesben, Trans- und Bisexuellen“ nicht aus den Augen verlieren. Zuletzt kriegt er mit einigen cleveren Tricks gerade noch so die Kurve und friemelt schließlich seinen Text in halsbrecherischen Nachtschichten im weit entfernten New York ins Reine. Der Verlag ist begeistert – und der erfolgreiche Hochstapler und Reisebuch-Autor darf gleich noch eine Handvoll weiterer Lonely-Planet-Bände verfassen.
Wer sich Schamlosigkeit auf die Fahnen geschrieben hat, schreckt auch vor außergewöhnlichen Marketingkampagnen nicht zurück. So gestand Thomas Kohnstamm kurz vor dem Erscheinen seines neuesten Machwerks gegenüber der australischen Zeitung Daily Tele-graph, dass er aus Geld- und Zeitmangel Teile seiner Reiseführer abgeschrieben oder schlichtweg erfunden habe. Den Lonely-Planet-Band für Kolumbien soll er sogar komplett am heimischen Schreibtisch verfasst haben. Welch Skandal! Doch während sich der Lonely-Planet-Verlag noch unter dem Rechtfertigungsdruck windet, promotet Thomas Kohnstamm weiter seine schamlose Neuerscheinung unter dem sinnigen Originaltitel Do travel writers go to hell?