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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:44

Pelle Sandstrak: Herr Tourette und ich

07.01.2010

This is your captain speaking!

Rot steht für Hölle und Krankheit, Türschwellen stellen ein unüberwindbares Hindernis dar und manche Bewegungen können nur im 45-Grad-Winkel absolviert werden. Wer könnte die Innenansicht eines Touretters besser beschreiben als ein Betroffener? Von INGEBORG JAISER


 

 “Ich bin Jahrmarktschreier, Auktionator, Straßenkünstler, Wortverdreher, ein Abgeordneter bin ich, trunken vom vielen Reden. Ich habe Tourette.“
Jonathan Lethem: Motherless Brooklyn

Pelle tickt nicht richtig. Tics und Zwangshandlungen, Rituale und plötzliche Anfälle bestimmen sein Leben: Jedes vorüberziehende Flugzeug zwingt ihn in die Habachtstellung, weil sonst ein Absturz drohen könnte, jedes X, Y oder Z birgt Gefahren, wenn es versehentlich ausgeschrieben wird, jedes herumliegende Schmuckstück muss zwanghaft angefasst werden.

 

Mal sieht sich Pelle an Bord einer Boeing 737 – „this is your captain speaking“ – mal als begnadeter Hockeyspieler Wayne Gretzky oder erster Harpunier. Doch wehe, wenn ihn ein klitzekleines Detail aus der Fassung bringt: Ein möhrenknabbernder Klassenkamerad kann ungeahnte Wutanfälle provozieren, jedes Dreieck in der Mathearbeit kann zum Starttor von Europas gefährlichster Slalomabfahrt mutieren. Und plötzlich purzeln die Wortkaskaden unkontrolliert aus Pelles Mund: Nashornfurz! Fischpuddinghintern! Möwenarschloch!

 

Yes sir, I can boogie

Doch trotz aller Handycaps ist Pelle mit außergewöhnlichen Fähigkeiten gesegnet. Auf dem Hockeyspielfeld wird er dank seiner wirren Choreographie zum Star, auf der Tanzfläche flippt er regelmäßig aus. „Lachen + Mädchen + ich + tics + Nazareth = Erfolg“. Als unfreiwilliger Mädchenschwarm quält er sich unmotiviert durch die Oberstufe und erhält als Quittung ein „Nicht bestanden“ in der Abschlussprüfung. Ausgerechnet die nachfolgende Militärzeit entpuppt sich als die besten Jahre seines Lebens („kein Hirn + guter Körper = perfekter Soldat“). Denn Pelle wird so lange degradiert, bis er als interner Journalist Soldaten und Küchenpersonal über Fischauflauf und Maschinengewehre, über den Sinn des Waffelteigs und die Geheimnisse der NATO befragen darf.

 

Schlechte Karten für ein selbständiges Leben. Doch Pelle wagt das Unmögliche, zieht nach Oslo, beginnt eine Tontechnikerlehre und verliert einen Job nach dem anderen. Manche Tics und Zwänge haben sich so tief in seinen Kopf gebohrt, dass sie zu einem beschwerlichen Teil seines Verhaltens werden. Allein das ritualisierte Überwinden von Türschwellen kann ihn halbtagesweise beschäftigen. Der Versuch, zu duschen oder in Gesellschaft anderer zu essen, ist von unbezwingbaren Hindernissen gesäumt, so dass es Pelle schließlich ganz sein lässt – und wochenlang in denselben verschwitzten Klamotten dahinvegetiert, sich ausschließlich von kalten Rippchen, Knäckebrot und Orangensaft ernährend.

 

97% behindert, 3% Hoffnung

Der Zufall will es, dass Pelle an seinem absoluten Tiefpunkt zufällig eine Radiosendung über dTourette-Syndrom hört. Schlagartig bekommen seine Absonderlichkeiten einen Namen. Wie vom Blitz getroffen, notiert Pelle den Namen des erwähnten Arztes – und schreibt ihm sofort einen Brief, auf der Rückseite eines Interrail-Tickets. Pelle wird als interessanter Fall (zu 97% schwerbehindert) unter Neuropsychiatern weitergereicht, bis ein Arzt mit einer unkonventionellen Konfrontationstherapie erste Erfolge erreicht. Die bösen Gedanken legen sich, die Rituale werden müde, die Tics schlafen ein. Und schließlich wagt es Pelle, der Frau, die er anbetet, zu gestehen: „Ich habe etwas, das heißt Tourette…“

 

Pelle Sandstrak hat mit entwaffnender Offenheit und wilder Sinnlichkeit die ungewöhnliche Geschichte seines Lebens niedergeschrieben. Fernab jeglicher medizinischer Erklärungsversuche liest sich sein „Bericht eines glücklichen Menschen“ spannend wie ein Krimi, humoristisch wie eine Komödie. Und nicht zuletzt wirbt er für das Verständnis, dass außerhalb der scheinbaren Normalität viele Facetten von Verhaltensformen möglich sind.

 

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