Vom Grauen ins Verderben
Als das Ghetto 1944 liquidiert wurde, erfolgte Charis Deportation nach Auschwitz. Bis hierhin reichte der Einfluss seines Vaters zwar nicht mehr, allerdings haben ihn die Sonderrationen, die er organisieren konnte, in einer körperlichen Verfassung erhalten können, die ihn tauglich für Zwangsarbeit machte. So wurde er vom KZ Auschwitz zunächst ins KZ Kaltwasser verfrachtet – als Häftling Nr. 17596. Später sollte er noch den Frondienst u.a. in den KZs Groß-Rosen und Bergen-Belsen überleben – er hatte einen Freund, mit dem es ihm gelang, immer wieder essen zu organisieren, außerdem war er aufgrund einer früheren Erkrankung gegen Typhus immun – bis ihn schließlich die Befreiung durch die Britische Armee gerettet hat.
Unter Zuhilfenahme seines Freundes, dem Geschichtswissenschaftler Timothy Braatz, schildert Chari in Undermensch seine persönliche Geschichte des Holocaust – detailliert, emotionsgeladen, ständig über sein Handeln reflektierend, mit schonungsloser Offenheit und einer gehörigen Portion Galgenhumor sowie bitterer Ironie. Hierbei hält er seinem Leser den Schrecken vor Augen, der in den kleinen Dingen gelauert hat und denen man angesichts der großen Gräueltaten des Dritten Reiches im allgemeinen eher keinen Gedanken schenkt. Zum Beispiel wie es vonstatten ging, 700 Menschen auf dem viel zu kleinen Boden einer KZ-Baracke zum Schlafen zu „betten“ - ein erschütterndes Beispiel für den sprichwörtlichen deutschen Organisationswahn. Oder wie die Häftlinge es vermeiden konnten, dass im Winter ihre Hände an den zu schleppenden Eisenträgern für Gleisarbeiten nicht festfroren.
Chari erzählt gleichermaßen ungeschönt von niederträchtigen jüdischen Vorarbeitern wie von warmherzigen deutschen Aufsehern, von Situationen, wo ihm Hilfe zuteil wurde und von Momenten, wo er anderen seine Hilfe versagt hat. Und von seinem Leben als „displaced person“ in den ersten Jahren nach dem Krieg. Er freut sich über jeden, der es ob der Umstände geschafft hat, am Leben zu bleiben und seine Menschlichkeit zu bewahren. Er unterlässt Verteuflung und Generalverurteilungen und verlangt auch keinen Absolutheitsanspruch an die Vollständigkeit seiner Erinnerungen. Er möchte einfach nur seine Geschichte erzählen. Und wie er das macht, ist beeindruckend.