Das Naturschöne und die Designer-Vagina
Was dieses Buch dann aber tatsächlich ausgelöst hat, ist noch viel mehr: Es hat - die DVD dokumentiert es - viele Frauen dazu ermutigt, eine befreiende Reise in das weibliche Selbst anzutreten, ihr Körpergefühl, ihr Selbst-Bewusstsein zu stärken. Und dieser Bildband ist in Zeiten, in denen „Schönheitsoperationen“ an der Vulva ein Trend geworden sind, durchaus ein Politikum.
Vaginaloperationen gehören mittlerweile zu den vierthäufigsten Eingriffen plastischer Chirurgie. Von medizinischer Notwendigkeit natürlich abgesehen: Besonders der Wunsch nach Schamlippenreduktionen ist in jüngster Zeit immer stärker geworden, da sich ein Schönheitsideal durchzusetzen scheint, das sich an manipulierten Fotografien aus Mode- und Pornozeitschriften orientiert. Die Designer-Vagina ist auf dem Vormarsch. Frauen und vor allen natürlich Männer, die diese „Schönheitsideal“ einfordern, von diesem Irrglauben zu befreien, dafür könnte dieser Bildband einen wichtigen Beitrag leisten. Eine Gefahr besteht jedoch, und das wird auch durch den beigelegten Dokumentarfilm deutlich: In den USA hat das Buch eine Art Überkonsens ausgelöst. Von Hustler bis zur lesbischen Vereinigung, alle finden dieses Buch toll und wichtig.
Und wie mit allem, das alle toll und wichtig finden: Es droht im Konsenssumpf unterzugehen. Trotzdem sei diesem Band mindestens doppelt so viel Betrachter- und Leserschaft gewünscht wie den schlüpfrigen Feuchtgebieten einer Charlotte Roche. Aber bei aller ungenierten Befürwortung sollte nicht vergessen werden, das Buch vor Vereinnahmungen und Missverständnissen zu schützen. Dann steht einer „freudvollen Reise durch den Vulvagarten der Lust“ (Betty Dodson) nichts mehr im Wege. Oder, wie es eines der Modelle von Nick Karras ausdrückt: „I’m exposed – and it’s okay!“