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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:46

Utsumi / Taniguchi: Von der Natur des Menschen

23.09.2010

Im Labyrinth des Lebens

Mangas fern aller Lesegewohnheiten, dafür ist der Zeichner Jiro Taniguchi bekannt. Mit dem Philosophie-Traktat Von der Natur des Menschen entfernt er sich wieder ein Stück mehr vom Mainstream. Was dabei herauskommt, ist ungewohnt, aber unbedingt lesenswert. Von CHRISTOPHER FRANZ

 

Meditationen über das Existenzrecht eines Baumes, über die Wahrheit, über Freundschaft, Vergebung und die Akzeptanz anderer Lebensvorstellungen, so könnte man den Inhalt der acht in dem Band versammelten Kurzgeschichten charakterisieren. Geschrieben wurden sie von Ryuichiro Utsumi, gezeichnet von dem in Europa derzeit wohl bekanntesten Mangaka für „erwachsene Stoffe“, Jiro Taniguchi. Dass diese an den Grundkonflikten des Menschen orientierten Themen nicht mit der sonst landläufig mit asiatischen Comics in Verbindung gebrachten „Hau- drauf“-Methode abgehandelt werden können, versteht sich von selbst. Einfühlungsvermögen, exakte Beschreibung der Vorstellungswelt und der Gefühle der Protagonisten und die sich daraus ergebenden Gedankenspiele benötigen eine ganz spezielle Form der Erzählung.

 

Für manche mag das zur Folge haben, den Band langweilig zu finden. Dies erklärt sich aus der aus europäischer Sicht gänzlich manga-untypischen Art der Geschichten. Keine ist länger als 30 Seiten und somit jeweils in kaum mehr als 10 Minuten gelesen. Diese Kürze mag einen mehrere tausend Seiten dicken Epen gewöhnten Leser erstaunen. Das Fehlen jeglicher Hektik und Action tut ihr Übriges. Zu schulden ist dies der Thematik: hier ist zur Abwechslung mal eben nicht die Welt zu retten.

 

Künstler mit Feingefühl

In Japan hingegen gibt es eine große Zahl solcher Mangas, die sich mit anspruchsvollen Themen beschäftigen. Leider finden sie, aufgrund des mangelnden Publikums, nur viel zu selten den Weg zu uns. Umso erfreulicher ist, dass das umfangreiche Werk Taniguchis gleich bei zwei deutschen Verlagen publiziert wird: zum einen beim Carlsen Verlag (herausragendes Beispiel: Vertraute Fremde, Comic des Jahres 2007), der auch den vorliegenden Band veröffentlicht, und zum anderen bei Schreiber & Leser, die unter anderem für das Erscheinen der grandiosen Bergsteigersaga Der Gipfel der Götter verantwortlich sind.

 

Die Geschichten in Von der Natur des Menschen decken ein sehr breites Spektrum zwischenmenschlicher Beziehungen ab. Sowohl die Jugend wie auch das Alter, sowohl Kontakte zwischen Verwandten, Fremden, Paaren als auch Freundschaften und Feindschaften werden thematisiert. Außerdem geht es um die Art und Weise der Interaktion von Personen untereinander, damit, wie diese ins Gespräch kommen und wie ihre Gedanken anfangen sich zu verselbständigen. Dass dabei oft ein teils innerlich, teils offen ausgetragener Konflikt thematisiert wird, liegt, wie der Name schon sagt, in der Natur des Menschen – im positiven wie im negativen Sinne. Das Wichtigste an den manchmal herzzerreißenden Geschichten ist, immer eine Möglichkeit der Lösung des Problems oder der Einsicht aufzuzeigen. Taniguchis Protagonisten sind keine typischen Heldenfiguren. Dennoch sind ihre banal wirkenden Entscheidungen und ihr Handeln heldenhafter, als man auf den ersten Blick meinen mag.

 

Auftrag an den Leser

Die Leistung der Künstler liegt im Besonderen darin, in den Geschichten wunderbar inspirierende Denkanstöße unterzubringen. Träger der Stimmung sind in erster Linie die statischen Bilder des Zeichners, das Hauptaugenmerk liegt aber unzweifelhaft auf den Texten. Ruhig und tiefgründig, dabei durchwoben von fernöstlicher Humanität, führen sie den Leser kathartisch zu neuen Erkenntnissen. Zeichnungen und Text vermitteln in einer Art Symbiose ein tieferes Verständnis von der Seele des Menschen.

 

Von der Natur des Menschen zählt zu den anregendsten Mangas der letzten Zeit. Mit dem Lesen allein ist es nicht getan. Man wird nachdenklich und fragt sich, wie man selbst handeln würde. Träfe man die gleichen Entscheidungen? Man geht weit über das bloße Konsumieren der Geschichten hinaus, man reflektiert das Gelesene. Die Ruhe und Gelassenheit der Erzählungen haben etwas Kontemplatives, man ertappt sich dabei, lange über den geöffneten Seiten verharrt und seine eigenen Schlüsse aus dem Gelesenen gezogen zu haben. Gerade das macht den Band dann doch unheimlich spannend.


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