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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:48

Heavy Rain

12.04.2010

Zum Teufel mit der Freiheit!

Mit Heavy Rain distanziert sich das französische Entwicklerteam Quantic Dream bewusst von den unendlichen Weiten der Online-Rollenspiele und sucht Zuflucht bei restriktivem Storytelling. Dabei nutzt der Psychothriller die Grenzen der Dramaturgie, um die Spieler mit ihrer eigenen Moral zu konfrontieren. Von DANIEL WÜLLNER

 

Während die drei großen Konkurrenten der Videospielbranche versuchen, sich gegenseitig mit den neuesten Hardwareapparaturen das Wasser abzugraben, kann das nächste Kapitel der Entwicklungsgeschichte des Videospiels auf Seiten der Software geschrieben werden. Ob nun Nintendos Wii-Mote, Sonys Playstation Move oder Microsofts Project Natal, alle drei Eingabegeräte versprechen dem geneigten Benutzer die volle Kontrolle über den dreidimensionalen Raum. Doch diese verlockende Freiheit ist trügerisch. Das Verlangen nach immer authentischer werdenden Verrenkungen wird bald genauso verhallen wie die Sehnsucht nach den unendlichen Weiten der MMORPG-Welten. Denn eines fehlt beiden: ein Ziel.

 

Natürlich werden noch einige allabendliche, virtuelle Bowlingpartien ins Land gehen müssen, bevor man sich fragt, wieso man alle zehn Pins wieder und wieder und wieder umwerfen muss. Doch letztendlich wird man nach Stunden des casual gaming wieder etwas Gehaltvolles spielen wollen, denn so reizvoll eine Welt, in der man alles anfassen, alles benutzen und mit jedem interagieren kann, auch sein mag, so wird der Spieler am Ende immer nach einem Ziel oder einem Weg suchen, kurz: nach einer Geschichte. Das Entwicklerteam Quantic Dream hat den scheinbar endlosen Weiten sowie dem casual gaming abgeschworen und mit Heavy Rain eine Geschichte geschaffen, in der man sich mit dem Controller und dem eigenen Gewissen reiben kann.

 

Prolog als Tutorial

Wie ein guter Spielfilm lädt Heavy Rain zunächst zu einem ausgedehnten Prolog ein. Figuren werden eingeführt, Schauplätze entfalten sich und ganz heimlich wird nebenbei die Mechanik des Spieles erläutert. Eine fremde Welt, die doch vertraut wirkt, wird durch die Sixaxis-Funktion des Dual Shock Controllers, die Analogsticks und Tastenkombinationen zum Leben erweckt. Ein Besuch auf dem Klo kann durch ein simples Nachuntenziehen des Analogsticks bewältigt werden, doch zum Zähneputzen braucht es bereits etwas mehr handwerkliches Geschick. Doch wie in kommenden Herausforderungen sind auch hier die Bewegungen strikt limitiert. Passagenweise zeigt die etwas behäbige Steuerung sogar kleine Mankos, sodass für einen ungeübten Spieler die Konfrontation mit einem Handtuch einem feuerspuckenden Endgegner in nichts nachsteht.

 

Um die Geschichte nicht gleich zu Beginn ausfransen zu lassen, wird man frühzeitig durch die strikte Dramaturgie – die erst später ihre diversen Abzweigungen eröffnet – in seine Schranken verwiesen und wieder auf die richtige Bahn gebracht. Gleich nach dem Duschen und einem kräftigen Schluck Kaffee darf der Protagonist Ethan Mars entweder ein bisschen im Garten spielen oder seine Architekten-Hausaufgaben machen. Während Haus und Garten zur Genüge erkundet werden können, ist aber vor der eigenen Haustür auch schon Schluss für den Möchtegern-Kolumbus. Er hat zu warten, bis Frau und Kinder nach Hause kommen und man das Familienglück miterleben kann. Erst danach wird das nächste Kapitel eingeläutet.

 

Einen kleinen Vorgeschmack auf die eigentliche Besonderheit von Heavy Rain bekommt man auch im Prolog: Das Treffen von Entscheidungen. Während der Entschluss zwischen der Arbeit am Zeichenbrett und dem Garten noch relativ leicht mit dem eigenen Gewissen vereinbar ist, nimmt die Anzahl der Möglichkeiten gerade in Stresssituationen zu. Plötzlich bricht Hektik in der kleinen begrenzten Idylle aus und reißt Ethan und seinen Spieler mit. Wie ein Berserker rennt man durch die plötzlich riesig erscheinende Shopping Mall, um seinen Sohn Jason zu finden. Geschickt suggeriert das Spiel eine mögliche Einflussnahme, die es aber nicht gibt. Am Ende muss man einsehen, dass Ethan Mars seinen ältesten Sohn verloren hat (und immer wieder verlieren wird).

 

Wie eine unschuldige Labormaus

Wer nach dem Prolog eine Welt voller Möglichkeiten erwartet, wird enttäuscht und muss sich an den begrenzten Spielraum dieses Action-Adventures erst gewöhnen. Wie eine weiße Labormaus wird man in ein abgestecktes Labyrinth entlassen, und die Zeit beginnt unaufhörlich zu verrinnen. Man fängt an, sich Stück für Stück seinen Weg zu suchen; an jeder Abzweigung muss man sich entscheiden, welchen Weg man einschlägt und welche Wahl man nicht trifft, denn ein Zurück gibt es bei Heavy Rain so gut wie nie. So bahnt sich der Spieler zusammen mit Ethan – später dann auch mit der Fotografin Madison, dem Privatdetektiv Shelby und dem FBI-Agenten Jayden – seinen Weg von einer Kreuzung zur nächsten.

 

Während die kleinen Entscheidungen leicht fallen, wird man mit Höchstgeschwindigkeit zu den wichtigen Abzweigungen geführt. Ohne den Spieler auch nur einen Moment durchatmen zu lassen, wird eine Schlüsselentscheidung abverlangt. Doch im Gegensatz zu dem ewigen Hin und Her bei Wer wird Millionär, verstreicht hier die Zeit unbarmherzig. Wenn kein Entschluss getroffen wird, rast man mit derselben Geschwindigkeit über die Kreuzung hinweg.

 

Im Gegensatz zu dem sich langsam entwickelnden Psychospiel, das atmosphärisch gelungen durch Orchestermusik unterlegt ist, wird die Handlung immer hektischer. Eine Qualität, die dem Spiel sichtlich gut tut, da sie den Spieler das monotone Knopfdrücken vergessen macht und ihn an die Geschichte fesselt. Während parallele Handlungsabläufe mittels splitscreen gezeigt werden, macht man sich keine Gedanken mehr, wo der X-Knopf ist, sondern nutzt die Kontrolle über seine Figur, um das drohende Unheil auf der anderen Seite des Bildschirms möglichst schnell zu verhindern. Selbst in Kampfszenen kommt Heavy Rain ohne lästigen Energiebalken aus und evoziert das Gefühl, dass jede falsche Taste die letzte sein könnte. Denn auch das Ableben einer der vier Spielfiguren führt nicht zu einem vorzeitigen „Game Over“, sondern verändert nur die möglichen Wege innerhalb des Labyrinths.

 

 

Gegenüber der Labormaus, die sich von ihrem Instinkt gelenkt bewegt, steht dem Spieler das eigene Gewissen im Weg. Auch trotz einer begrenzten Anzahl an Wegen und Entscheidungen ist es den Autoren von Heavy Rain gelungen, ein Videospiel zu entwerfen, das den Spieler auffordert, seine Aktionen zu reflektieren. Fast in jedem Setting prangt dazu einladend ein Spiegel. Doch auch ohne solche physischen Hilfsmittel kann man durch Drücken der R2-Taste mögliche Gedanken der Protagonisten abfragen und diese per Knopfdruck denken lassen. Obwohl „falsche“ Gedanken keine Auswirkungen auf das Spiel haben, fühlt man sich als Spieler sichtlich mitgerissen von der aufkeimenden Panik in seinem Akteur.

 

Auch wenn Heavy Rain noch nicht die Offenbarung ist, zu der es manche gerne machen würden, so steht man doch bereits an der richtigen Kreuzung. Die Rückbesinnung auf ein begrenztes Universum, das Einbinden von neuen Hardwarekomponenten ins Spiel und vor allem das Erzählen eines beklemmenden Psychothrillers machen Heavy Rain zu einem Spiel, das man mit gutem Gewissen gegen jeden abendfüllenden Spielfilm tauschen kann.

 

Atmosphärisch, verästelt, nervenaufreibend

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