Andreas Altmann: Triffst du Buddha, töte ihn!
15.04.2010
Abenteuer Vipassana
Wer meint, Vipassana-Meditation sei nur etwas für Esoterikfans, wird durch den literarischen Reisebericht von Andreas Altmann eines Besseren belehrt. Fernab jedes religiösen Hokuspokus und mit beiden Beinen im Leben stehend, begibt er sich in die Stille, wo das eigentliche Abenteuer auf ihn wartet: das Abenteuer des eigenen Geistes. Von FRANK KAUFMANN
Reisebeschreibungen führen gerne an interessante Orte, an denen immer irgendetwas Aufregendes passiert. Und die ersten gut achtzig Seiten lesen sich so ähnlich: Altmann beschreibt eine Tour quer durch Nord-Indien, in der einem vieles bekannt vorkommt - das erwartungsgemäß schillernd bunte, vor Gegensätzen nur so strotzende, laute und immer wieder Überraschungen bietende Indien. Von Neu Delhi geht es nach Varanasi, über mehrere Etappen über die Grenze nach Nepal, schließlich über Bodhgaya retour, immer wieder die touristisch erschlossenen Orte des historischen Buddha in Augenschein nehmend. Und endlich geht es hinein ins „Dhamma Chakka Vipassana Center“, wo die eigentliche Reise beginnt.
Radikal Verantwortung
Wie schon in seinen zwölf Büchern zuvor, geht es Altmann auch hier um die Suche nach direkter authentischer Erfahrung, die er in seiner unmittelbaren, zwischen schroff und feinfühlig changierenden Sprache auszudrücken weiß. Scheinheiligkeiten sind ihm zuwider, und nicht ohne Grund hat er sich ausgerechnet das Meditationszentrum von S.N. Goenka, einem der weltweit bekanntesten Vipassana-Lehrer ausgesucht:
Nicht ein einziges Bild des heute 85-Jährigen ist zu sehen, kein Heil Goenka, auch kein Heil Buddha, keine Büste und keine Statue, kein Devotionalientrödel, keine Niederwerfungen, kein Geschrei hinauf in den Himmel, kein Blick in die Hölle, kein in die Luft gestreckter Hintern, nirgends ein »Heiliger Stuhl« und ein »Heiliger Vater«, keine einzige göttliche Jungfrau, kein Dolch schwingender Abraham, keine Prophetien aus arabischen Höhlen, kein totgefolterter Gottessohn, keine Ideologie, kein Heilsgesang, kein ästhetisches Raunen, kein Götzendienst, nein, nichts, immer nur ...: Du bist für dein Leben verantwortlich.
Genau diese radikale Verantwortung, eine Spiritualität ohne Gott und die Entdeckung wahren Mitgefühls sind es, um die es Altmann geht, wobei Vipassana nur den Rahmen, die Methode, einen Ansatzpunkt vorgibt. Vipassana, gewöhnlich als „Einsicht“, „Klarblick“ oder „Klarsicht“ übersetzt, ist ein Übungsweg, der zunächst nichts anderes will, als dem Meditierenden die Welt wieder zu erschließen, ihm eine neue, unverstelltere Sicht zu ermöglichen. Endlich die Dinge so zu sehen wie sie sind, unmittelbar, direkt. Und damit auch so intensiv und deutlich wie möglich das Leben in den Blick zu nehmen, was Altmann in seiner aktiven Form bereits häufig getan hat.
Mechanismen der Leidproduktion
Nun aber sind andere, eher passive, achtsame Qualitäten gefragt. So ändern sich die Prioritäten im Laufe des Lebens. Wollte der Autor früher noch „die Welt aus den Angeln heben“, so kämpft er heute „darum, die Hornhaut abzutragen, die das Herz zu ersticken droht.“ Auch hier wird erlebt, sich radikal eingelassen – aber nun aufnehmend, sich mehr als Gefäß verstehend, zielt alles auf das reine Beobachten, und das heißt: erleben was passiert. Nichtstun, zulassen, schauen was innerlich vorgeht. Sitzen in stiller Meditation. Konzentration auf den Atem. Beobachten, wie die Beine anfangen zu schmerzen, dann der Rücken, und der Wunsch nach Bewegung zunimmt, die Stimmungen, Gefühle, all die Gedanken die hochsteigen, die Unbeständigkeit des Geistes erleben, seine Illusionen erkennen, den Mechanismen der Leidproduktion auf den Leib rücken.
Dabei scheint das heilsame „sich Einlassen“ auf die Meditation erst einmal selber eine Quelle des Leids zu sein, das um vier Uhr früh beginnt und täglich zehn Stunden Meditation bedeutet. Bereits am ersten Tag seines zehntägigen Retreats heißt das Schmerzen, umgeben von „Meditations-Helden“, die es scheinbar besser können. Am vierten Tag dann ein Durchbruch:
Kein Knie jault, kein Knochen meldet sich. Minutenlang kann ich während der ersten zwei Stunden versinken. Mehrmals. Jetzt passieren jene Zustände, die diese Sehnsucht nach Meditation auslösen, jenen Wunsch, immer wieder dorthin zurückzukehren. ... Man betritt einen Raum in sich, der unabhängig vom »Draußen« ist. Ein virtueller Ort, in dem man sich vom täglichen Irrsinn erholt. Dank der unauslotbaren Stille erfährt man Energiezellen in sich, an die man erst jetzt, beim Meditieren, herankommt.
Ichlosigkeit als Witz
Aber neben den erlebten Hochs folgen erneut die Tiefs, denn: „Je tiefer sich jemand in sich hineintraut, desto eher die Gefahr, dass er an Schichten rührt, die weh tun.“ Das schon erwähnte Abtragen der Hornhaut, die das Herz zu ersticken droht, die Aufgabe der Wünsche, die das Ego ständig erzeugt, die Aufgabe der Nicht-Aufgabe, auch dies, denn nicht jeder ist dazu bereit, sich von seinem Ich zu lösen, wie es der konsequent buddhistische Weg vorsieht, und Altmann am allerwenigsten. Daher bleibt er auch nach zehntägiger radikaler Selbstaussetzung immer noch der lebenshungrig Suchende, der uns seine Lebenslust so wunderbar beschreibt, dass wir Leser Lust bekommen es ihm nachzutun und ebenfalls unser Leben intensivieren möchten.
Gänzlich aus den Augen verloren haben wir da allerdings das eigentliche und höchste Ziel von Vipassana: die Überwindung des Ichs nebst Erleuchtung und das Eingehen in Nirvana. Dies bleibt Altmann ebenso suspekt, wie er die Ichlosigkeit „für einen Witz“, „den Wunsch nach ihr für unmenschlich, irgendwie auch für maßlos und kindisch“ hält – was bleibt ist die Möglichkeit der Bearbeitung. Das Ich mit mehr „Wärme und Herzensgüte ausstatten... die Luft im aufgeblasenen Ego etwas“ ablassen, was ja bereits eine ganze Menge ist.
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