Judith ist nicht Judith
Sehr auffällig ist, dass beide Arbeiten einen Detailausschnitt der „Judith“ aus „Judith und Holofernes“ (1598/99, Rom, Galleria Nazionale d’Arte Antica Palazzo Barberini) zum Umschlagmotiv gewählt haben. Dabei mag dem scharfsinnigen Betrachter sicherlich nicht die feine Nuance entgehen, dass Taschen hier allein einen Ausschnitt mit dem Reiz der Schönheit der jungen Frau wählte, während bei C.H. Beck gerade das von Caravaggio so spannungsreich gesetzte Haupt der häßlichen Alten mit ins Bild hinein rücken darf.
Im formalen, inhaltlichen Aufbau, unterscheiden sich die beiden Arbeiten kaum. Beide gehen chronologisch vor. Zur bewegten Biographie werden Caravaggios Gemälde jeweils in überschaubarer, informativer Form – das Wesentliche und die Besonderheiten hervorhebend – präsentiert, ohne die Bilddiskussion unnötig auszutreten.
Sehr interessant ist der bei Ebert-Schifferer der Biographie nachfolgende Teil mit Hintergründen zur Arbeitsweise und Bildgenese. Schütze weist in einem Epilog äußerst knapp auf die Caravaggio-Rezeption hin.
Naturgemäß divergieren auch die Zuschreibungen einzelner Werke, wie aus den an beide Monographien angeschlossenen Werkverzeichnissen hervorgeht. In der sehr knappen Form, in der jenes Werkverzeichnis bei Ebert-Schifferer erscheint, fragt sich allerdings, ob es überhaupt nötig gewesen wäre.
In jedem Fall wird die bereits seit längerem begonnene Entmystifizierung Caravaggios fortgesetzt. Eigentlich sind die Boheme-Fantasien von Caravaggio längst revidiert worden – lediglich störte man sich bis vor kurzem nicht daran. Sybille Ebert-Schifferer verortet Caravaggio „im soliden Mittelstand [...] als einigermaßen belesen und gebildet, fähig zu theoretischer Reflexion und in der Lage, mit hochgestellten Auftraggebern zu konversieren“ (S. 242).
In ihrer Betrachtung konzentriert sich Ebert-Schifferer, die sich selbst als „Restriktionistin“ bezeichnet, denn auch auf das Wesentliche. Sie gerät nicht in den Strudel, spektakuläre Neuzuschreibungen zu erstellen und hält sich – dankenswerterweise – auch aus der nicht wesentlichen Diskussion um Caravaggios Intimleben heraus. Andere Arbeiten hängen sich geradezu an der Frage der Sexualität auf. War er homosexuell und benutzte seine Lustknaben als Modell? War er gar selbst ein Lustknabe? Nein? Doch mindestens bisexuell war er sicher.
Ebert-Schifferer bewertet auch Caravaggios Delikte ganz nüchtern und sieht sie im Kontext seiner Zeit und des entsprechenden Milieus, in dem der Künstler sich bewegte. Dies zeugt von gründlicher Archivarbeit und Recherche, die die nötigen Schlussfolgerungen nicht vermissen lassen. Als Direktorin der Bibliotheca Hertizana (Max-Planck-Institut) in Rom sitzt Ebert-Schifferer auch direkt an der Quelle.