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Caravaggio

22.04.2010

Inseln im Strom? - Caravaggio und kein Ende

Es erscheint uferlos. Nahezu 300 wissenschaftliche Publikationen jährlich widmen sich dem Phänomen Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571-1610). Zweifelsohne hat dies seine Berechtigung. Von NICO KIRCHBERGER

 

Caravaggios innovatives Werk hatte ohne Zweifel nachhaltigen Einfluss auf die Geschichte der Kunst. Vor allem seine bis dato unerreichte Meisterschaft in der Hell-Dunkel-Malerei („chiaroscuro“) und die Inszenierung der Figur, bei der der menschliche Ausdruck in seiner Natürlichkeit im Vordergrund steht und nicht mehr dem konventionellen Kanon der Traktatliteratur entnommen ist, zeigten gewaltige Nachwirkungen. Außerdem gilt Caravaggio  auch weiterhin als impulsgebend für das sich im 17. Jahrhundert verselbstständigende Genre des Stilllebens. Seiner Bedeutung war man sich schnell bewusst: Kurz nach seinem Tod arbeiteten bereits Künstler in Spanien, Frankreich, Deutschland, Holland und Flandern nach seiner Manier.

 

Weshalb sich das Kunstpublikum – bisweilen auch die Fachwelt – Caravaggio nicht entziehen kann, liegt aber im entscheidenden Maße am Mythos seiner Person. Dieser Mythos wurde bewusst und mit der Absicht, Caravaggios Ruf zu diskreditieren, von seinen Feinden – etwa von Giovanni Baglione oder Pietro Bellori – verbreitet und anschließend Jahrhunderte lang tradiert. Prostitution, Glücksspiel, Widerstand gegen die Staatsgewalt und schließlich Mord. Dieses Bild hat man auch heute noch parat, wenn man an Caravaggio denkt. Geschadet hat es dem Ruhm und der Popularität des Künstler allerdings nicht im Geringsten – ganz im Gegenteil.

 

Das Heilige Jahr

Mit dem dieses Jahr anstehenden Jubiläum, dem 400. Todestag, wird es deutlich: Caravaggio ist einer der beliebtesten Künstler überhaupt. Plötzlich eignet er sich auch zur  politischen Ausschlachtung und der Stilisierung zu einem Ideal einer neuen „Italianität“ ganz nach dem Gusto eines Silvio Berlusconi. Eva Clausen scheint auch zu wissen warum, weil „...den zu Feiernden der Hauch des Skandals umweht, etwa des wüsten Lebenswandels, [...], in einem Land, in dem Prostituierte in Regierungspalästen ein und aus gehen und Zivilschutzchefs auf Kosten des Staates erotische Massagen erhalten.“ (Neue Zürcher Zeitung, 06.03.2010)

 

Im Heiligen Jahr Caravaggios wird wieder nach Rom gerufen. Diesmal allerdings auf den Quirinal zu einer monographischen Ausstellung (20.2-13.06.2010). Leihgaben aus St. Petersburg, New York, Kansas City und Fort Worth in Texas machen einen Besuch lohnenswert. Überhaupt hat man mit den 24 Werken der Ausstellung, samt den „in situ“ (etwa S.Luigi dei Francesi und S. Maria del Popolo) befindlichen Gemälden, derzeit die Möglichkeit gut die Hälfte des gesamten Œuvres des Künstlers in Rom bestaunen zu können.

 

Caravaggio: Die handlesende Zigeunerin, 1594. Eine der beiden Versionen - hier aus dem Pariser Louvre. Caravaggio: Die handlesende Zigeunerin, 1594. Eine der beiden Versionen - hier aus dem Pariser Louvre.

Sehen - Staunen - Glauben oder Panoptikum im Bücherschrank

In gewisser Weise kann man die Literatur über Caravaggio schön mit dessen Praxis des Kopierens und Variierens seiner eigenen Werke vergleichen. Einige Male hat er Bilder desselben Sujets wiederholt und variiert ausgeführt, so etwa „Die handlesende Zigeunerin“ (1594 bzw. 1595) oder „Der Lautenspieler“ , das gleich in bis zu vier Ausführungen vorliegt – im Authentizität wird nachwievor gestritten.

 

Natürlich wartet das Jubiläumsjahr auch mit einer Flutwelle neuer Publikationen auf. Die zwei repräsentativsten Arbeiten des deutschen Büchermarktes sind sicher diejenigen von Sibylle Ebert-Schifferer und Sebastian Schütze.

Ebert-Schifferer und der Verlag C.H. Beck warten mit „Caravaggio. Sehen – Staunen – Glauben. Der Maler und sein Werk“ auf. Es ist ein sehr gelungenes, leserfreundliches Werk, das fortan sicher den Orientierungspunkt in der deutschsprachigen Caravaggio-Literatur bilden wird. Intensiv bemüht sich die Autorin darum, in die sozialen Netzwerke einzutauchen. Sie beleuchtet Caravaggios Umfeld, sei es in Mailand oder Rom, und macht deutlich, dass der Künstler über sehr günstige Beziehung verfügte.

 

Unhandlicher und dementsprechend teurer oder hier treffender gesagt, kostspieliger, ist Sebastian Schützes „Caravaggio. Das vollständige Werk“, erschienen bei Taschen. Dieses Buch ist eine große Show, ein visuelles Erlebnis. Hochglanzabbildungen in einmaliger Qualität machen es zu einem Erlebnis. Tatsächlich ist es ein „Panoptikum“ von Caravaggios noch erhaltenem Oeuvre. Bisweilen mag man sich jedoch in der übertriebenen Opulenz der Detailaufnahmen verlieren. Und überhaupt, wer nimmt sich da noch die Zeit den Text zu lesen?

 

Judith ist nicht Judith

Sehr auffällig ist, dass beide Arbeiten einen Detailausschnitt der „Judith“ aus „Judith und Holofernes“ (1598/99, Rom, Galleria Nazionale d’Arte Antica Palazzo Barberini) zum Umschlagmotiv gewählt haben. Dabei mag dem scharfsinnigen Betrachter sicherlich nicht die feine Nuance entgehen, dass Taschen hier allein einen Ausschnitt mit dem Reiz der Schönheit der jungen Frau wählte, während bei C.H. Beck gerade das von Caravaggio so spannungsreich gesetzte Haupt der häßlichen Alten mit ins Bild hinein rücken darf.

Im formalen, inhaltlichen Aufbau, unterscheiden sich die beiden Arbeiten kaum. Beide gehen chronologisch vor. Zur bewegten Biographie werden Caravaggios Gemälde jeweils in überschaubarer, informativer Form – das Wesentliche und die Besonderheiten hervorhebend – präsentiert, ohne die Bilddiskussion unnötig auszutreten.

Sehr interessant ist der bei Ebert-Schifferer der Biographie nachfolgende Teil mit Hintergründen zur Arbeitsweise und Bildgenese. Schütze weist in einem Epilog äußerst knapp auf die Caravaggio-Rezeption hin.

Naturgemäß divergieren auch die Zuschreibungen einzelner Werke, wie aus den an beide Monographien angeschlossenen Werkverzeichnissen hervorgeht. In der sehr knappen Form, in der jenes Werkverzeichnis bei Ebert-Schifferer erscheint, fragt sich allerdings, ob es überhaupt nötig gewesen wäre.

 

In jedem  Fall wird die bereits seit längerem begonnene Entmystifizierung Caravaggios fortgesetzt. Eigentlich sind die Boheme-Fantasien von Caravaggio längst revidiert worden – lediglich störte man sich bis vor kurzem nicht daran. Sybille Ebert-Schifferer verortet Caravaggio „im soliden Mittelstand [...] als einigermaßen belesen und gebildet, fähig zu theoretischer Reflexion und in der Lage, mit hochgestellten Auftraggebern zu konversieren“ (S. 242).

In ihrer Betrachtung konzentriert sich Ebert-Schifferer, die sich selbst als „Restriktionistin“ bezeichnet, denn auch auf das Wesentliche. Sie gerät nicht in den Strudel, spektakuläre Neuzuschreibungen zu erstellen und hält sich – dankenswerterweise – auch aus der nicht wesentlichen Diskussion um Caravaggios Intimleben heraus. Andere Arbeiten hängen sich geradezu an der Frage der Sexualität auf. War er homosexuell und benutzte seine Lustknaben als Modell? War er gar selbst ein Lustknabe? Nein? Doch mindestens bisexuell war er sicher.

Ebert-Schifferer bewertet auch Caravaggios Delikte ganz nüchtern und sieht sie im Kontext seiner Zeit und des entsprechenden Milieus, in dem der Künstler sich bewegte. Dies zeugt von gründlicher Archivarbeit und Recherche, die die nötigen Schlussfolgerungen nicht vermissen lassen. Als Direktorin der Bibliotheca Hertizana (Max-Planck-Institut) in Rom sitzt Ebert-Schifferer auch direkt an der Quelle.

 

Caravaggio, Amor als Sieger, 1601/02, Berlin, Staatliche Museen, Gemäldegalerie. Caravaggio, Amor als Sieger, 1601/02, Berlin, Staatliche Museen, Gemäldegalerie.

Interpretationsfreiheit

Caravaggio als entzauberter Boheme? So bleibt einem ja immerhin noch seine Kunst! Das Schöne an den Gemälden Caravaggios ist auch, dass sie sowohl dem Laien als auch dem Experten immer wieder aufs Neue Rätsel aufgeben werden. Auf die eine oder andere Art bleiben sie interpretationsoffen. Immer neue Deutungen aus der Forschung bereichen die Diskussionen nur zusätzlich. Etwa wie jene Ebert-Schifferers, den „Amor als Sieger“ (1601/02, Berlin, Staatliche Museen, Gemäldegalerie) betreffend: „[...] Amor hat bereits die ganze Welt unter sich. Das zeigt ein Himmelsglobus, den Merisi nachträglich eingefügt und mit Sternen aus Blattgold versehen hat [...]. Die Position des Globus und die verborgene linke Hand konnten dem Betrachter suggerieren, daß Amor auf dieser Kostbarkeit seiner Notdurft verrichtet, eine im damaligen Rom alltägliche Form der Schmähung.“ (S. 155)

 

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