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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:49

Gilles Deleuze: Abécédaire

26.04.2010

Sichtbares Denken

Deleuzes Philosophie der Vielfalt wird in Deutschland noch immer als sprunghaft und beliebig verkannt. Allein die Kultur- und Medienwissenschaften nehmen Deleuze ernst. Vertreter der Philosophie sehen darin nur einen zusätzlichen Beweis, dass er keine Aufmerksamkeit verdient. Außerdem schreibt Deleuze philosophische Werke mit Stil, was ohnehin als ungenau gilt. In Frankreich ist von solcher Abweisung nichts zu spüren. Und das zu Recht, denn Deleuzes Offenheit verdankt sich seiner Stringenz. Bescheidenheit ja, aber mit der Spitze der Intelligenz –  genau das veranschaulicht Abécédaire, der einzige Film, der Deleuze vor einer Kamera zeigt. Von LINE SORYANO

 

Winter 1988: Gilles Deleuze, der große französische Philosoph, stellt sich zum ersten und letzten Mal vor eine Kamera. Er hat dem Film nur zugestimmt, weil dieser nicht vor seinem Tode (1995) erscheinen sollte. Der Regisseur Pierre-André Boutang konnte ihn nur unter dieser Bedingung überzeugen, sich auf einen Dokumentarfilm einzulassen. Denn gegen das Fernsehen hegte Deleuze großes Misstrauen. Nun ist die DVD – nach ihrer Veröffentlichung in Frankreich 1996 – seit einigen Monaten auch in deutscher Übersetzung und mit deutschem Voice-over zu finden. Und beginnt mit einer Überraschung.

 

Denn der erste Eindruck ist – ehrlich gesagt – eher grämlich, bescheiden, ja nahezu abstoßend. In einer verstaubten Ecke einer typischen bürgerlichen Pariser Wohnung sitzt in einem schäbigen Herrensessel Gilles Deleuze. Alt ist sein Gesicht geworden, dünn sein langes Haar und seine Augen hinter der dicken Brille sind überproportional groß. Ein leichter Ekel überkommt den Zuschauer, wenn sein Blick auf die ständig gestikulierenden Hände des Denkers fällt: Deleuze hat lange, gelbe, sich zusammenrollende Nägel.

 

Wer sich von billigen Bildern hinreißen lässt, hat hier nichts zu suchen

Nach einer Weile versteht man, dass Deleuze diese Wirkung gewollt hat. Zum Beweis: Auch die Inszenierung geht durch und durch gegen den Strich. Die Bildeinstellung bleibt über siebeneinhalb Stunden unverändert, der Arm der Interviewerin fährt rücksichtslos vor die Kamera, und der Rauch ihrer Zigarette bedeckt streckenweise das Bild. Die Botschaft ist klar: Wer sich lieber von billigen, ereignisreichen Bilder hineinreißen lässt, der hat hier nichts zu suchen.

 

Und doch gibt es in diesem Film etwas Zauberhaftes: den Charme eines außergewöhnlichen Geistes, den Reiz der lebendigen Intelligenz, alles im leichtbeschwingten Tempo eines Gesprächs. Genauer gesagt: eines Abc' der Philosophie. Deleuzes ehemalige Studentin Claire Parnet, die ihm als Interviewerin gegenüber sitzt, schlägt in alphabetischer Ordnung eine relativ willkürliche Auswahl von Begriffen vor: von A wie Animal über I wie Idee bis Z wie Zickzack. Deleuze nimmt die heterogenen Impulse auf und legt los. Ergebnis: Das, was in Deleuzes philosophischen Schriften zwangsweise nüchtern und unpersönlich daherkommt, das liegt hier förmlich in der Luft. Im Film lässt sich ein Stil, eine Deleuz’sche Färbung spüren.

 

"Charme haben die Leute nur durch ihre Verrücktheit."

Er selbst hat ein Wort dafür: Charme. „Charme haben die Leute nur durch ihre Verrücktheit.“ Spätestens mit dieser Aussage werden einem die Absonderlichkeiten der Inszenierung klar.

Für Kenner gibt dieser Charme seinem akademischen Werk eine neue Einheit, für Laien macht er die Philosophie greifbar und leibhaftig, kurz: interessant wie es nur eine Person sein kann. Man lernt den Anspruch des harten Arbeiters und großen Geistes kennen, die höfliche Eleganz des Sohnes aus gutem Hause, vor allem aber diese faszinierende Offenheit, die auch seine Teilnahme an der Bewegung des Mai 1968 verständlich macht.

 

Hauptsächlich in diesem Zusammenhang kennt man Deleuze, neben Michel Foucault und Felix Guattari, dem Psychoanalytiker-Philosophen, mit dem er vier Bücher schrieb und die Zeitschrift Chimères (Schimären) gründete. Doch er war damals schon vierzig Jahre alt. Es ist ein zusätzliches Verdienst der DVD, diese weniger bekannten Jahre ans Licht zu bringen. 1925 in eine Familie aus der Pariser Bourgeoisie geboren, hat Deleuze die sozialistische Volksfront Léon Blums erlebt, den Antisemitismus – auch in der eigenen „überaus erlesenen, nur leider kulturlosen“ Familie – und schließlich den Krieg.

 

Von seinen großbürgerlichen Ursprüngen hat Deleuze die gepflegte Sprechweise, die höfliche Bescheidenheit, die Eleganz – in der freien Uni Vincennes in den 70er-Jahren machten Hut und Überzieher seine Gestalt legendär. Eine Eleganz, die sich besonders auch in seinem Feingefühl äußert, den ‚Adel des Geistes’, einem Widerwillen gegen alles Billige. Höflichkeit und Härte vermischt Deleuze geschickt und benutzt seinen bescheidenen Ton, um seiner Ironie einen harmlosen Anstrich zu geben. Die enzyklopädische Kultur mancher Intellektueller? „Haarsträubend … Großartig … Abscheulich“, lässt er mit seiner metallischen Stimme fallen. Dabei ist an der sonst meist treffenden Übersetzung zu bedauern, dass sie dazu neigt, die Schärfe seiner Worte abzustumpfen.

 

Urteile wie Hammerschläge

Urteile wie Hammerschläge eines Philosophen, der selbst wie ein Asket lebte. Deleuze aß ungern, reiste nicht, lebte seit jeher mit einer schweren Lungenkrankheit und pflegte seine Gewohnheiten als „kontemplatives“, geregeltes Leben. Dafür arbeitete er wie ein Wahnsinniger. Das sieht man an der Stringenz seiner Beiträge. Das ABC regt Deleuze zum Teil zu anekdotischen Themen an. Doch er hat sie so lange durchdacht, bis auch daraus Philosophie wird.

 

Bescheidenheit – und doch ein ungeheurer Anspruch. In dieser Kombination liegt auch die Bedingung für die von Deleuze vollbrachte Leistung einer Philosophie der Offenheit, die trotz allem kohärent bleibt. Seine grundsätzliche Demut allein konnte ihn so offen für das Andere machen. Für ‚die Verrückten’ etwa, die er in der freien Uni zu seinen Kursen zuließ, was er im Film mit den Worten kommentiert: „[Es gab] Verständnis, großes Wohlwollen seitens der Verrückten“. Offen auch für das Andere der tierischen Existenz, in der Deleuze doch Verbindendes entdeckt, so am wunderbaren Beginn der DVD: Wie Tiere führen die Philosophen eine Existenz auf der Lauer, auf der Suche nach Zeichen. In dieser fragenden Haltung findet Deleuze die Bescheidenheit eines Sokrates wieder, dem einzig gewiss war, dass er nichts wusste.

 

Gilles Deleuze Gilles Deleuze

"Konzepte an der Grenze des Denkbaren, Perzepte an der Grenze des Ertragbaren"

Die Zeichen, auf die Deleuze lauerte, das waren neben dem Piepsen und Fauchen der Tiere auch die Zeichen der Kunst. Deleuzes Philosophie setzte sich spätestens seit Proust und die Zeichen (1964) ständig mit der Literatur, aber auch mit der Malerei, mit dem Kino und der Musik auseinander. Auch im Film bedient sich Deleuze hier und da, ohne Unterscheidung von Hoch- und Volkskultur. Wie Van Gogh „sich an die Farbe wagt“ – wie Björn Borg einen neuen Tennisstil erfindet –, wie sich die Rufe der Klageweiber mit den Gesängen der rheumatischen, alten Dame unter den literarischen Gattungen, der Elegie, treffen, die immer nur das Eine sagt: „Was mir da widerfährt, ist zu groß für mich“ – in diesen Querbewegungen sucht Deleuze Begegnungen, die ihm helfen, mehr und tiefer zu verstehen. Er sucht „Konzepte an der Grenze des Denkbaren, Perzepte an der Grenze des Ertragbaren“. Zum Hineinschnuppern in diese erfrischend vielseitige Kultur lädt übrigens auch das mit vielen Zitaten, Bildern und Verzeichnissen gelungene Booklet von Valeska Bertoncini ein.

 

Eines der größten Rätsel des Denkens

„Es ist“, sagt Deleuze bei dem Buchstabe K wie Kant, „eines der größten Rätsel des Denkens, warum man mit der einen Art von Problemen etwas anfangen kann und mit der anderen nichts. Man ist für gewisse Probleme bestimmt. In der Wissenschaft wie in der Philosophie“. Tatsächlich reicht Deleuzes Aufgeschlossenheit bis in den Unterbau seiner Philosophie. Seine vielleicht größte Errungenschaft ist es, philosophische Werkzeuge geschaffen zu haben, die der alten, faulen Tendenz des Denkens widerstehen können, die Welt unter eine Einheit zu bringen. Sei es die Einheit eines göttlichen Planes oder das einheitliche Begriffsraster der Wissenschaft, Deleuze verwirft jede Form der Transzendenz. In seinem Manifest Rhizom schlägt er eine neue Kategorie des Denkens vor: „Anders als Bäume und ihre Wurzeln, verknüpft das Rhizom einen beliebigen Punkt mit einem anderen beliebigen Punkt. Das Rhizom lässt sich weder auf das Eine noch auf das Viele zurückführen.“ Im Gegensatz zu „zentrierten Systemen, ist das Rhizom ein unzentriertes, nicht hierarchisches und nicht bedeutungstragendes System, ohne Führer, ohne Zentralautomat, einzig durch einen Kreislauf von Zuständen bestimmt.“

 

Diese authentische Philosophie der Vielfalt wird in Deutschland noch immer als ausweichend, sprunghaft und beliebig verkannt. Allein die Kultur- und Medienwissenschaften nehmen Deleuze ernst. Lächelnd sehen die Vertreter der Philosophie darin nur einen zusätzlichen Beweis, dass Deleuze keine Aufmerksamkeit verdient. Außerdem schreibt er philosophische Werke mit Stil, was ohnehin als tadelnswerte Ungenauigkeit gilt. In Frankreich ist von solcher Abweisung nichts zu spüren. Und zu Recht, denn Deleuzes Offenheit verdankt sich seiner Stringenz. Bescheidenheit ja, aber mit der Spitze der Intelligenz – das veranschaulicht aufs Beste das Abécédaire.

 

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