Die Nibelungen im Quadrat
Aufgrund dieser heiklen Rezeptionsgeschichte ist das Anliegen des Primus-Verlags ohne Zweifel durch und durch begrüßenswert: In der Reihe „Wissen im Quadrat“ bündelt der Verlag knapp die wichtigsten die Informationen zu jeweils einem größeren Themenkomplex. Nichts würde also näher liegen, als dem Leser auch das Nibelungenlied in einem reich bebilderten Band in all seinen Facetten näherzubringen.
Doch die Skepsis wächst bei der ersten Ansicht des Bandes. „Liebe, Rache und Verrat“ verspricht uns der Buchumschlag vollmundig. Zudem findet sich unter den angeblich in diesem schmalen, knapp hundert Seiten zählenden Büchlein beantworteten Fragen auch noch die folgende: „Warum das Lied große Literatur ist und was es so spannend macht.“ Größere – und komplexere Fragen – vermag man sich kaum auszumalen.
Trotz aller Skepsis und aller berechtigten Kritik an der reißerischen Aufmachung des Buches ist „Die Nibelungen“ für die deutsche Sachbuchlandschaft ein nahezu unschätzbarer Gewinn. Der Verlag konnte mit dem Marburger Germanisten Joachim Heinzle einen ausgewiesenen Kenner der Materie als Autor gewinnen. Und Heinzle wiederum ließ sich – dies kann man gar nicht genug loben – auf das gewagte Unternehmen des Verlags ein: Er beleuchtet knapp, bündig und präzise das Nibelungenlied in all seinen schillernden Facetten. Mit leichter Hand skizziert er die Handlung, zeigt die oralen Ursprünge des Lieds auf, weist auf frühe bildliche Umsetzungen hin, referiert Interpretationsvarianten und deutet zu guter Letzt kurz das fatale Nachleben des Stoffes in den modrigen Eingeweiden des deutschen kulturellen Gedächtnisses an.