Lange Zeit hing über meinem Schreibtisch das Foto eines Baumes, ausgerissen aus irgendeiner Zeitung, ich vermute, der FAZ, die Bildunterschrift lautete: „Dies ist ein Baum. Verstehen werdet ihr ihn nie.“
Als ich das erste Mal afrikanischen Boden betrat – zugegeben, Südafrika, das Touristenafrika also –, war das Foto schon längst bei irgendeinem Umzug verloren gegangen. Aber ich musste daran denken, auf dem Johannesburger Flughafen, während mich Gepäckträger bedrängten, mir ihre offiziellen Gepäckträger-Lizenzen unter die Nase hielten und unbedingt meinen Rucksack tragen wollten, ich aber gleichzeitig viel lieber versuchen wollte, irgendwo einen ruhigen Platz zum Rauchen zu suchen. Ich zog vor dem Flughafen an meiner ersten Zigarette auf dem afrikanischen Kontinent, blinzelte in die Wintersonne und dachte: Dies ist Afrika. Verstehen wirst du es nie.
Ich war später noch einmal auf dem Kontinent, in Ländern, in denen es etwas rauer zuging als in Südafrika, ich habe in Frankreich mit nordafrikanischen Einwanderern der zweiten Generation während des Ramadan gegrillt, ich habe mich im arabischen Viertel von Marseille herumgetrieben, eine meiner Mitbewohnerinnen ist Togo-Deutsche. An dem Satz, an den ich zum ersten Mal bei dieser Zigarette in Südafrika dachte, hat sich nichts geändert.
Zugegeben, mit meinen paar Reisen, Treffen und Unterhaltungen komme ich gegen Birgit Virnich nicht an: Immerhin ist die Frau Afrika-Korrespondentin der ARD und mir bei ihren Reisen um ca. dreißig afrikanische Länder voraus. Es soll auch gar nicht so sehr darum gehen, dass Virnich in Ein Fahrrad für die Flussgötter versucht, Afrika zu begreifen, das ist unmöglich, sie wird das wissen: Die Idee, Afrika begreifen zu wollen, ist noch ein bisschen beknackter, als die Idee, Europa begreifen zu wollen: Der Kontinent ist sehr viel größer, umfasst sehr viel mehr Länder, ist in sehr viel schnellerer und brutalerer Bewegung und den Kontinent zu bereisen ist – selbst für Europäer, von Afrikanern ganz zu schweigen – nicht ganz so leicht wie gemütlich durch Europa zu tuckern. Den meisten Menschen fällt es ja schon schwer, die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und Polen zu begreifen, wie dann erst, sagen wir, Marokko und die Elfenbeinküste unter einen Hut bringen, zwei Länder, die ungefähr die halbe Welt auseinander sind, getrennt von Wüsten und Urwäldern, die kaum etwas gemeinsam haben als ihre Lage in diesem politisch-geologischen Konstrukt Afrika?
Das sind so die Probleme, die man bekommt, wenn man, wie Virnich es tut, Reportagen aus Afrika schreibt, die größer sein sollen, die etwas mehr erklären sollen als nur das, was da passiert, und wenn man noch dazu Anne Will im Vorwort schreiben lässt, dass diese Reportagen dem Leser jetzt „ein neues Gefühl für den Kontinent“ gäben.