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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:50

Birgit Virnich: Ein Fahrrad für die Flussgötter

10.05.2010

Verstehen wirst du es nie

Birgit Virnich ist durch Afrika gefahren, um zu beobachten und zu verstehen. Die Reportagensammlung Ein Fahrrad für die Flussgötter wandelt auf dem schmalen Grat zwischen Mensch und Politik. Von JAN FISCHER

 

Lange Zeit hing über meinem Schreibtisch das Foto eines Baumes, ausgerissen aus irgendeiner Zeitung, ich vermute, der FAZ, die Bildunterschrift lautete: „Dies ist ein Baum. Verstehen werdet ihr ihn nie.“

 

Als ich das erste Mal afrikanischen Boden betrat – zugegeben, Südafrika, das Touristenafrika also –, war das Foto schon längst bei irgendeinem Umzug verloren gegangen. Aber ich musste daran denken, auf dem Johannesburger Flughafen, während mich Gepäckträger bedrängten, mir ihre offiziellen Gepäckträger-Lizenzen unter die Nase hielten und unbedingt meinen Rucksack tragen wollten, ich aber gleichzeitig viel lieber versuchen wollte, irgendwo einen ruhigen Platz zum Rauchen zu suchen. Ich zog vor dem Flughafen an meiner ersten Zigarette auf dem afrikanischen Kontinent, blinzelte in die Wintersonne und dachte: Dies ist Afrika. Verstehen wirst du es nie.

 

Ich war später noch einmal auf dem Kontinent, in Ländern, in denen es etwas rauer zuging als in Südafrika, ich habe in Frankreich mit nordafrikanischen Einwanderern der zweiten Generation während des Ramadan gegrillt, ich habe mich im arabischen Viertel von Marseille herumgetrieben, eine meiner Mitbewohnerinnen ist Togo-Deutsche. An dem Satz, an den ich zum ersten Mal bei dieser Zigarette in Südafrika dachte, hat sich nichts geändert.

 

Zugegeben, mit meinen paar Reisen, Treffen und Unterhaltungen komme ich gegen Birgit Virnich nicht an: Immerhin ist die Frau Afrika-Korrespondentin der ARD und mir bei ihren Reisen um ca. dreißig afrikanische Länder voraus. Es soll auch gar nicht so sehr darum gehen, dass Virnich in Ein Fahrrad für die Flussgötter versucht, Afrika zu begreifen, das ist unmöglich, sie wird das wissen: Die Idee, Afrika begreifen zu wollen, ist noch ein bisschen beknackter, als die Idee, Europa begreifen zu wollen: Der Kontinent ist sehr viel größer, umfasst sehr viel mehr Länder, ist in sehr viel schnellerer und brutalerer Bewegung und den Kontinent zu bereisen ist – selbst für Europäer, von Afrikanern ganz zu schweigen – nicht ganz so leicht wie gemütlich durch Europa zu tuckern. Den meisten Menschen fällt es ja schon schwer, die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und Polen zu begreifen, wie dann erst, sagen wir, Marokko und die Elfenbeinküste unter einen Hut bringen, zwei Länder, die ungefähr die halbe Welt auseinander sind, getrennt von Wüsten und Urwäldern, die kaum etwas gemeinsam haben als ihre Lage in diesem politisch-geologischen Konstrukt Afrika?

 

Das sind so die Probleme, die man bekommt, wenn man, wie Virnich es tut, Reportagen aus Afrika schreibt, die größer sein sollen, die etwas mehr erklären sollen als nur das, was da passiert, und wenn man noch dazu Anne Will im Vorwort schreiben lässt, dass diese Reportagen dem Leser jetzt „ein neues Gefühl für den Kontinent“ gäben.

 

Klassischer Nachrichtenjournalismus

Virnich betreibt Nachrichtenjournalismus, eine Art des Verstehens, in der der einzelne Mensch so viel wert ist wie die Geschichte, in die er passt: Kitenge ist nicht einfach nur ein traumatisierter Junge, der nach Hause zurückkehrt, er ist ein Kindersoldat, und damit steht er stellvertretend für eine Gruppe Menschen, die wiederum das Symptom einer bestimmten politischen Entwicklung eines Landes sind, die wiederum Symptom für eine bestimmte weltpolitische Situation ist.

 

Wenn also auf dem Buchrücken – und im Vorwort – von Ein Fahrrad für die Flussgötter behauptet wird, es würden hier Geschichten von Menschen erzählt, ist das nur zum Teil so: Die Geschichte des einzelnen Menschen ist immer nur ein Vehikel, um sich das große Ganze zu erschließen, der einzelne Mensch ist nur so lange wichtig, wie er erkennbar für etwas steht. Das kann und darf man Virnich nicht vorwerfen: Das ist klassischer Nachrichtenjournalismus, und Virnich beherrscht ihn aus dem linken Handgelenk. Er ist auch keine schlechte Methode, komplexe Zusammenhänge erkennbar zu machen, oder besser: Kleines auf Großes zu reduzieren.

 

Die Geschichten eines Menschen als Symptom für das große Ganze zu nehmen ist nicht nur eine Art des Vorgehens, des Verstehens, die gut funktioniert – die Geschichte eines Menschen ist, vom Konsumenten aus gedacht, schließlich immer interessanter als die der Bewegungen von Zahlen. Es ist auch eine Vorgehensweise, bei der der Mensch oder vielmehr seine Geschichten leicht zugunsten des großen Ganzen auf der Strecke bleiben kann.

 

Virnich schafft manchmal diesen Spagat – aber manchmal eben auch nicht. Die Geschichte von Kitenge beispielsweise, dem Kindersoldaten, ist zart und einfühlsam zu Ende erzählt, ohne von allzu viel Drumherum belastet zu sein. Die Reportage „Welcome to Liberia“ wiederum verliert sich in zusammengeklebten Fakten, Orten, in begonnenen Geschichten von Menschen, ohne tatsächlich eine – oder alle – davon auszuerzählen.

 

Größtenteils aber sind die Reportagen in Ein Fahrrad für die Flussgötter schön dahinfließende, einfühlsame Texte einer Reporterin, die sich erfreulich stark zurücknimmt, die keine besinnungslos vor sich hintrompetende Meinungsmaschine ist, sondern sich tatsächlich darum bemüht, zu beobachten und zu verstehen.

 

 

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