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Uri Gordon: Hier und Jetzt

17.06.2010

Das böse A-Wort

Wollen Sie sich einen Überblick über den Anarchismus und seine aktuellen Tendenzen verschaffen? Hier finden Sie ihn. Von FRANK KAUFMANN

 

„Falls es irgendwem entgangen sein sollte: Der Anarchismus ist ausgesprochen lebendig und präsent. In den vergangenen zehn Jahren ist erneut eine globale anarchistische Bewegung entstanden, und dies in einem Umfang und mit einer Einigkeit einerseits und einer Vielfalt andererseits, wie es das seit den 1930er Jahren nicht mehr gegeben hat. Von antikapitalistischen Zentren und ökofeministischen Höfen bis zu Basisorganisationen auf Gemeinde-Ebene, Blockaden internationaler Gipfeltreffen, alltäglichen direkten Aktionen und einer enormen Menge an Publikationen und Websites – Anarchie lebt im Herzen der globalen Bewegung, die erklärt: »Eine andere Welt ist möglich.«“

 

Uri Gordon ist ein israelischer Aktivist, der an der Universität Oxford über anarchistische Politik promoviert und selber mit zahlreichen anarchistischen und radikalen Bewegungen wie Indymedia, Dissent!-network, Peoples’ Global Action oder Anarchists Against the Wall zusammengearbeitet hat. Er versucht in seinem Buch Hier und Jetzt, das bereits 2008 unter dem Titel „Anarchy Alive! Anti-authoritarian Politics from Practice to Theory“ bei Pluto Press London erschien, den aktuellen Stand der anarchistischen Bewegung in Theorie und Praxis herauszuarbeiten.

 

Der neue Anarchismus, der sich seit den 1960er Jahren entwickelt hat und ab der Jahrtausendwende nochmals Auftrieb bekam, besticht durch seine Heterogenität, seine bunte Vielfalt und Offenheit, die es nicht immer erlauben an alte anarchistische Utopien des 19. Jahrhunderts anzuknüpfen. Detailliert anarchistische Zukunftsmodelle haben ausgedient, ebenso zielführende Revolutionen, die von anarchistischen Idealgesellschaften träumen; die Ablehnung von Staat und Kapitalismus sind jetzt nur noch Sonderfälle einer stets selbstgestalteten, emanzipatorischen und ganz allgemein gegen Herrschaft und Kapital eingestellten, sich horizontal und dezentral organisierenden Bewegung.

 

Besonders interessant: es finden sich anarchistische Ideologieelemente auch in Gruppen und Aktionen, die das „A-Wort“ explizit meiden – der neue Anarchismus durchdringt die globale Protestbewegung auf verschiedene Weise, auch wenn sie sich als „anti-autoritär" oder „autonom“ umschreibt. Das ist jedenfalls eine Hauptaussage des Buches.

 

Lebendiger Anarchismus

Sympathisch wirkt zunächst Uri Gordons Vorgehensweise, das Phänomen des Anarchismus als soziale Bewegung und lebendige politische Kultur zu begreifen, also nicht den Umweg über die teils schwer verständliche Theorie des Anarchismus zu gehen. Er schöpft aus dem alltäglichen Diskurs der anarchistischen Bewegung, ein „Bereich, in dem die kulturellen Codes reproduziert und ausgetauscht werden und Veränderungen und kritische Reflexionsprozesse durchlaufen“, um sie locker mit den Fäden der Theorie zu verbinden. Wie aber sieht die „kollektive Identität“ aus, die „sich auf einem gefestigten gemeinsamen Weg des Denkens und Tuns herausgebildet hat“, wie es der Autor formuliert?

 

Gordon beschreibt ihre „Organisationsformen“ als informelle, dezentrale und horizontale Netzwerke abseits von formellen Mitgliedschaften und oft nur durch ein Motto verbunden. Er macht deutlich, welche Bedeutung dem fruchtbaren Austausch mit diversen „gegenkulturellen Ausdrucksformen“ zukommt – etwa mit der Punk-Bewegung, und beschreibt die Rolle einer „politischen Sprache“, die Unterschiede als etwas Positives feiert und Pluralität im Gepäck hat. Dazu gehört auch Offenheit dem anarchistischen Projekt gegenüber, sowie der Versuch Herrschaft ganz allgemein zu überwinden. Der Hauptaspekt des neuen Anarchismus dürfte aber in seinem speziellen „Aktionsrepertoire“ liegen.

 

Der neue Anarchismus

Praktisches Vorleben statt Utopie, so könnte man das Credo beschreiben, direkte Aktionen im Hier und Jetzt statt große Revolutionen für später zu planen. Der Begriff der „vorwegnehmenden Politik“ nimmt dabei eine zentrale Stellung ein: Nicht mehr wird Utopie final als Idealzustand gedacht, sondern soll im Hier und Jetzt ihre Umsetzung finden. Direkte Aktionen können, so Gordon, in ihrer konstruktiven Form das bestehende System delegitimieren „und eine Alternative von unten“ aufbauen. „Die Kollektive, Kommunen und Netzwerke, an denen Aktivisten heute beteiligt sind, bilden bereits die Grundlage für eine andere Gesellschaft im Gewebe der alten.“

 

„Die direkte Aktion bedeutet auch die Umsetzung des Bestrebens, selber »die Veränderung zu sein«, die man sich für die Gesellschaft wünscht, und das auf allen Ebenen, von den persönlichen Beziehungen, in denen Sexismus oder Rassismus überwunden werden, bis hin zu kommunitären ökonomischen Strukturen. Das bedeutet die Erweiterung der direkten Aktion in eine »vorwegnehmende Politik«, bei der die Ziele »laufend in das tägliche Vorgehen und den Organisationsstil hineingeholt werden.«“

 

Merkwürdige Ambivalenz

Mit Uri Gordons Entscheidung, den Anarchismus begrifflich klar als politische Kultur zu fassen, gelingt es ihm „Organisation, Aktion und Lebensstil auf dieselbe Ebene zu stellen wie Ideen und Theorien“, womit er eine horizontale Denkweise auch für seine Reflexionen in Anschlag bringt. „So können wir Anarchismus jenseits irgendwelcher ideologischen oder dogmatischen Erwartungen und Festlegungen beschreiben.“ Damit erhofft sich der Autor insbesondere „Vorbehalte und Befürchtungen, die mit dem »A-Wort« verbunden sind“ zu überwinden.

 

Aber genau diese Hoffnung des Autors erfüllt sich leider nur bedingt. Da mag auch die „vorhersagbarste Assoziation“ des Anarchisten als Bombenwerfer pauschal und ungenau und für die Bewegung falsch sein: Historisch begründet ist sie. Und das nicht nur, weil „libertäre Ideen in den kommerziellen Massenmedien ... dämonisiert werden.“ Chaos und Gewalt sind nach wie vor Spielarten im anarchistischen Kampf, und sollten keinesfalls verharmlost werden. Dass ein Aktivist wie Gordon Gewaltlosigkeit nur zwischen anarchistischen Institutionen für möglich hält, mag aus seiner Sicht realistisch sein, spricht aber gegen eine Bewegung, die in ihrer mehrheitlich konstruktiven Variante kreativ und anziehend wirkt.

 

Auch Gewalt gegenüber modernen Technologien ist ein weiterer Aspekt, der den Laien ins Grübeln bringen dürfte. Dabei ist die Einstellung heutiger Anarchisten zur Technologie von einer merkwürdigen Ambivalenz geprägt, die von intensiver Nutzung moderner Technologien bis hin zu ihrer radikalen Ablehnung reicht. Gordon hält Gewalt gegenüber neuen Technologien für angebracht, „wenn diese darauf ausgerichtet sind, Machtkonzentration und soziale Kontrolle, Ungleichheit und Umweltzerstörung zu verstärken.“ Damit eröffnet er ein weites Legitimationsfeld für potentielle Gewaltanwendungen.

 

Fazit:

Uri Gordon versteht es, die immer wiederkehrenden grundsätzlichen Fragen zum Anarchismus mit den aktuellen Debatten globaler Widerstands- und Aktionsgruppen pointiert zu verbinden. Die zentralen Begriffe Herrschaft, Macht und Gewalt werden lebendig diskutiert, das ambivalente Verhältnis zu neuen Technologien herausgearbeitet. Leider kommen aber interessante Ansätze zum Bioregionalismus oder zur Permakultur und insgesamt alle konstruktiven Aktionen zu kurz. Dies gilt auch für das abschließende Kapitel, in dem der Konflikt Palästina/Israel aus anarchistischer Sicht beleuchtet wird, wobei die Passagen durchaus neugierig machen und den ein oder anderen einladen dürften, sich einmal näher mit dem Thema zu beschäftigen. Besonders die schwierige Situation, in der Friedensaktivisten dort agieren, findet hierzulande wenig Beachtung.

 

Wer sich also über die Aktualität anarchistischer Theorie und Praxis informieren möchte, ohne sich zuerst mit der Theorie zu beschäftigen und bereit ist Abstriche im sensiblen Punkt der Rechtfertigung von Gewalt zu machen, ist mit dem erfreulich lebendig geschriebenen Buch auf jeden Fall gut beraten – Uri Gordon nimmt den Leser mit auf eine interessante Reise durch die bunte und manchmal auch gewalttätige Welt des Anarchismus.

 

 

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