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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:50

Trondheim / Larcenet: Kosmonauten der Zukunft

12.08.2010

Mawis Attacks!

Vor acht Jahren brach der Ehapa Verlag die Edition dieser vergnüglichen Sci-Fi-Parodie vorzeitig ab - nun erscheint bei Finix der Abschlussband der Trilogie. Von SVEN JACHMANN

 

Nicht nur aufgrund ihrer überbordenden und fast erschreckenden Produktivität haben sich Lewis Trondheim und Manu Larcenet für die Ewigkeit in den französischen Comic-Betrieb eingeschrieben. Sie haben in jedem namhaften Verlag publiziert; sie scheren sich wenig um Formatgesetze; sie fühlen sich in sämtlichen humoristischen Gattungen ebenso heimisch wie in melancholischen oder autobiographischen Erzählungen; sie sind sarkastische Alltagsbeobachter und Meister des absurd-lakonischen Dialogs. Und sie bilden - nicht nur, aber insbesondere - im Funny-Bereich die Speerspitze, was an geistreicher Unterhaltung möglich ist.

 

Einziger Unterschied: Larcenet ist der bessere Zeichner, aber das ist letztlich eine Frage des gewählten Sujets. Dank des langen Atems ihres hiesigen Hausverlags Reprodukt - wo u.a. auch Trondheims monumentale Fantasy-Parodie Donjon erscheint, für die er regelmäßig auf Larcenet als Zeichner zurückgreift - dürften die beiden auch der deutschsprachigen Leserschaft ein fester Begriff sein, denn zusammengerechnet hat die Zahl ihrer übersetzten Werke die 50 bereits überschritten.

 

Dazu zählt auch die 2002 begonnene Trilogie Die Kosmonauten der Zukunft, von der der Ehapa Verlag lediglich zwei Alben veröffentlichte. Es brauchte erst das Engagement des ganz der Komplettierung abgebrochener Serien verschriebenen Finix Verlags, dass diese hochvergnügliche Science-Fiction-Parodie nun acht Jahre später endlich vollständig vorliegt – auch wenn die zwei Vorgänger mittlerweile nur noch antiquarisch erhältlich sind.

 

Von der intergalaktischen Truman Show...

Parodie meint im vorliegenden Fall allerdings nicht die abgeschmackte serielle Anordnung mehr oder minder gelungener Gags, die sich programmatischer Szenen des Genres annehmen, also etwa so, wie man es in der Scary Movie-Filmreihe vorgeführt bekam. Trondheim und Larcenet gehen motivgeschichtlich vor und konzentrieren sich in jedem Album auf ein fixes Sujet der Science Fiction.

 

Im ersten (und besten) Album ist dies die Paranoia-Erzählung, die diffuse Furcht vor der geheimen Infiltrierung durch eine fremde Macht out of space. Darin müssen die zwei elfjährigen Schüler Martina Höhne und Gildo Falter unter allerlei Wortwitz und Situationskomik letztlich ihre These, dass ihre gesamte Umwelt in Wirklichkeit aus Robotern oder Aliens bestünde, verifizieren. Nur stand die vermutete Invasion unter äußerst altruistischen Vorzeichen: Die Mawisianer - kleine, dicke und pazifistische Trolle mit Reptilienhaut, Drachenschwanz und Überbiss - klonten die zwei Kosmonauten der Zukunft nach einer 13 Jahre vergangenen, tödlichen Bruchlandung auf ihrem Planeten und simulierten nach bestem Wissen und Gewissen eine Gegenwart, wie sie nahtlos der Erinnerung der beiden an ihre Vergangenheit entsprechen sollte.

 

Der befürchtete Angriff auf die Menschheit entpuppt sich also als eine Art intergalaktische Truman Show unter umgekehrten Vorzeichen: Die zweite (bzw. dritte) Geburt der Helden, die mit der Bewusstwerdung der simulierten Welt einher ging, wirft ein recht profanes Bild auf das Göttliche, dem sich Jim Carrey durch den Eintritt in eine Kulissentür inmitten eines Tornados auf hoher See noch konfrontieren musste: Hinter dem Stadtrand finden die beiden eine unendliche, archaische Wüstensteppe, und die Entzauberung jener Welt, die ganz auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet ist, bedeutet schließlich gleichzeitig eine ganze Menge Komfort, existiert erstmal das Wissen um ihre Beschaffenheit.

 

...zum Eskapismus der Seriengesetze

Getreu dem Steigerungsgesetz der Sci-Fi-Fortsetzungen folgt der Eskapismus im zweiten Band: mehr Nebenfiguren – geklonte Crewmitglieder, die ebenfalls noch im Wrack geborgen wurden-, mehr Action und Zerstörung inklusive des kurzzeitigen Auftritts eines Nachwuchsbösewichts, nachdem der friedlebende Planet letztlich doch noch von Invasoren heimgesucht wird. Für Martina und Gildo bildet dies den Auftakt für eine ungewisse Reise durchs All, die mit dem vorliegenden dritten Album ihren finalen Abschluss findet.

 

Zu Jugendlichen gereift, geraten Martina und Gildo auf einen Planeten, dessen Bewohner ihnen als Helden huldigen, auch wenn dies vornehmlich in Form touristischer Führungen geschieht. Im Prinzip konzentriert sich die Erzählung auf Bewegung, narrativ wie erzählökonomisch, denn alles gerät ein wenig aus den Fugen. Überbordend vermengen sich Elemente der Space Opera mit den Identitätskonfusionen eines Philip K. Dick, die von einem logisch unauflösbaren Zeitparadoxon als Scharnier zusammengehalten werden. Das Regime, welches den Martina und Gildo-Kult pflegt und zu Tausenden aus ihren Klonen besteht, muss sich einer riesiger Zahl Rebellen erwehren, die wiederum Gildos vermeintliche Schwester, von der sich herausstellen wird, dass sie Gildos und Martinas Tochter ist, an ihrer Führungsspitze besitzen.

 

Zu einem gänzlich befriedigenden Schluss führen diese unterschiedlichen Stränge nicht, weil die Figuren so rasant zu den Schauplätzen manövriert werden, dass die parodistische Erdung teilweise glatt auf der Strecke bleibt: Sei es, um doch noch Kohärenz zu suggerieren, sei es um das Chaos der Serialität im Sinne der Fortsetzungsideologie ad absurdum zu treiben. Trotzdem ist es schön, die Entscheidung darüber, welche dieser zwei Möglichkeiten zutrifft, dank einer vollständigen Übersetzung endlich selbst fällen zu können.


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