Men in Black 3 - jetzt im Kino! TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) von Michael Ebmeyer Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert
Freitag, 25. Mai 2012 | 22:52

Manu Larcenet: Die wundersamen Abenteuer von Robin Hood

12.11.2010

Helden in Stützstrümpfen

Es hat seine Gründe, dass Helden selten im Bett und so gut wie nie alt sterben. Manu und Patrice Larcenet nehmen in ihrer Reihe Die wundersamen Abenteuer von... diesmal Robin Hood aufs Korn und lassen ihn zum alten, von Alzheimer geplagten Sack verkommen. PETER KLEMENT hat das Album gelesen und eine Gebrauchsanweisung dafür entworfen.

 

Dank großzügiger Übersetzung lebt Robin Hood im Teutoburger Wald, der trotzdem in bequemer Nähe zu Nottingham liegt. Erklären ließe sich diese erstaunliche Tatsache mit der Topographie der höfischen Literatur des Mittelalters, die sich ohne großen Aufhebens den Anforderungen der erzählten Geschichte anpasst. Genau so wie sich die Landschaft eher fiktionalen als realen Zwängen unterordnet, sind die Orte eher symbolischer Natur. Der Wald ist ein magischer Ort, in dem Bäume sprechen oder pöbeln, und Nottingham ist der großstädtische Moloch, der Gegenpol zur Welt der Natur.

 

Locus amoenus

Ein Comic über entrückte Orte sollte man auch an einem solchen lesen, daher folgt nun ein kurzer Exkurs über die Magie des Orts: Der locus amoenus ist der liebliche Ort, ein idealisiertes Stück Natur, an dem der Mensch zu Erkenntnissen gelangt, die ihm sonst verborgen geblieben wären. Nicht umsonst strebt die Romantik in die Natur auf der Suche nach dem Unendlichen und der Magie. Je nach Ort wird das Denken des Menschen auf höhere oder niedere Ebenen gelenkt. Genauso wie Mörike von Larcenet frei mit dem Worten zitiert wird "Der Wald ist total cool, man kann da spazieren gehen", ist Die Legende von Robin Hood ein total cooler Comic, um ihn auf dem Klo zu lesen.

 

Das heimische Klo hat sich vom dem Ort der Notdurft (locus necessitatis), zu einem angenehmen Ort entwickelt, an dem der Mensch ebenso wie im lichten Hain mit plätschernder Quelle auf sich selbst zurückgeworfen ist – nicht zuletzt dank Wasserspülung. Die Sphäre des stillen Örtchens ist von mächtigen Tabus geschützt: Wer dort sitzt, der darf das in Frieden und Ruhe tun. Man befindet sich in einem Raum, an dem Zeit langsamer zu fließen scheint und an dem alle Menschen wirklich gleich sind, zumindest wenn man den Sprichworten glaubt. Erst beim Verlassen des Klos kehrt man zurück in die Fänge der Zivilisation und ihres hektischen Treibens.

 

Trancedere

Der Ritter der Artusepik muss sich im Wald bewähren, der Romantiker sich entrücken und der moderne Menschen sich auf dem Jedermansthron entspannen. Von Dämpfen umwabert, wie einst das Orakel von Delphi, ändert sich die Wahrnehmung des Thronenden: Stilblüten werden zu Stilmitteln, Blödes wird witzig, und ein inkohärentes Stückwerk zu einem satirischen Ganzen. Denn wo, wenn nicht auf der Toilette liesse sich verdauen, dass Little John ein warmer Bruder ist, Bruder Tuck der Papst, der Sheriff von Nottingham verblüffende Ähnlichkeit zu John Wayne aufweist und Tarzan aus unerfindlichen Gründen dem Sheriff zu Hilfe eilt, aber seinem Hang zur Sodomie erliegt.

 

So harte, humorige Kost lässt sich nur mit dem heiteren Lachen der Götter bewältigen, das schon in Homers Ilias ausführliche Beschreibung fand:

 

Gegeneinander tobten sie wild, rings krachte die Erde.

Schmetternd tönte der mächtige Himmel, und sitzend vernahm es

Zeus auf dem hohen Olympios; es lachte ihm das Herz vor Freude,

Weil er sah, wie die Götter zusammentrafen im Streite.

(Homer: Ilias in der Übersetzung von Johann Heinrich Voss, 21. Gesang, 387ff.)

 

Auch die Götter machen gelegentlich einen Ausflug in die niederen Gefilde der Schadenfreude. Auf dem Klo erzeugt Die Legende von Robin Hood Gelächter, sonst hochgezogene Augenbrauen. Denn auch in der Postmoderne sollte man in der Demontage von Heldenfiguren nicht mit der Abrissbirne zu Werke gehen

 

Ad rem

Die Legende von Robin Hood als mieses Machwerk abzutun, wäre nicht gerechtfertig. Das Comic hat duchaus seine großen Momente und Ideen, die auf einem schmalen Grat zwischen Witz und Blödsinn balancieren. Doch man sollte sich bewusst sein, dass man zum vollen Genuss einen entsprechend ausgestatten locus amoenus braucht.


Flattr this

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Von der Verrohung des Bürgertums

Ja, die Welt ist schlecht, weil ungleich. Aber hurra – wir tun doch was! Das Netzwerk der »Tafeln« sorgt dafür, dass auch Hartz-IV-ler würdig ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Lämmer in der Obhut von Wölfen

Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...

Vorschlag zur Güte

Reiß mir bitte reiß mir doch

in meinen Etat ein Loch

stopf zwei drei deiner Sorgen rein

und bald wird wieder Frühling sein

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...

Ecce Homo

»Siehe, der Mensch!« - so wird allgemein Ecce Homo übersetzt. Napoleon soll Ähnliches zu Goethe bei ...