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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:54

Gesammelte Comic-Werke

16.09.2010

Beachtliche Entwicklung

Klassiker der Literatur erkennt man daran, dass es von ihnen Werk- oder Gesamtausgaben gibt. Auch im Comic-Markt sind zunehmend Gesamtausgaben zu entdecken, die aber den Standards der Hochkultur bei weitem nicht entsprechen. Was sie stattdessen bieten, hat sich ANDREAS ALT näher angesehen.

 

Comic-Gesamtausgaben kommen in den vergangenen Jahren verstärkt auf den Markt und erfreuen sich also offenbar wachsender Beliebtheit. Allerdings sind sie etwas anderes als eine Werkausgabe eines Dichters. In der Regel wird hier nur eine Serie zusammengefasst, nicht etwa das Gesamtwerk eines Zeichners oder Autors.

 

Es scheint kaum denkbar, dass sich jemand wie die Werke von Goethe oder Schiller das Gesamtwerk selbst eines so bedeutenden Künstlers wie Jean Giraud/Moebius von dem Western Jerry Spring bis zu der versponnenen SciFi-Fantasy Die Sternenwanderer zulegen würde. Die gesammelten Werke eines Szenaristen wären noch uneinheitlicher als die eines Zeichners. Das ist auch eine Frage des Marktes: Jede Comic-Serie hat ihre eigenen Fans, und nur wenige würden sich das Lebenswerk eines Comic-Machers in einer noch so schönen Ausgabe zulegen.

 

Dennoch: Eine beachtliche Entwicklung von den despektierlich so genannten Comic-Heftchen bis zur aufwändig hergestellten repräsentativen Werkreihe in voluminösen Hardcover-Bänden. Doch auch zwischen den Gesamtausgaben gibt es erhebliche Unterschiede. Zum Vergleich sollen vier Reihen dienen, die vor kurzer Zeit gestartet sind: Die Abenteuer von Tanguy und Laverdure, Comanche, Roland Ritter Ungestüm und Hombre.

 

Die realistische Phase des Asterix-Zeichners

Vor 50 Jahren, 1960, erschienen im Magazin Pilote die ersten Abenteuer des Militärfliegers Mick Tanguy. Hausautor Jean Michel Charlier arbeitete zunächst mit Albert Uderzo zusammen, der kurz darauf mit Asterix weltberühmt wurde, später mit Jijé und anderen Zeichnern. Der erste Band der Ehapa-Gesamtausgabe enthält die ersten drei Tanguy-Alben, allesamt von Uderzo gezeichnet. Man muss die Serie nicht von Anfang an lesen, um sie zu verstehen – jedes Album steht für sich allein, die Figuren entwickeln sich nur wenig. Aber es ist ein höchst interessanter Ausflug in die Comicgeschichte.

 

Wer Uderzo nur von Asterix oder vielleicht noch dem Funny-Western Umpah-Pah her kennt, ist zunächst überrascht, dass er hier in einem realistischen Stil arbeitet, ausgereift, aber stark angelehnt an Meister des US-Zeitungscomics wie Milton Caniff. Tanguys Begleiter Laverdure ist freilich eine Funnyfigur. Nicht mehr zeitgemäß sind die naiven Storys von Charlier, der jedoch zweifellos Jungensträume vom Fliegen bedient. Noch gut zehn Jahre später war Mick Tangy - so der deutsche Titel, gekürzt um ein "u" - im Magazin Zack trotz der Nähe zur Kriegsverherrlichung eine der beliebtesten Comic-Serien.

 

Ehapa übernimmt das Material der französischen Gesamtausgabe, lässt aber Übersetzer Horst Berner eine zwar knappe, aber kenntnisreiche und gut lesbare Einführung verfassen. Der Verlag hätte sich jedoch um bessere Druckvorlagen bemühen sollen, denen offensichtlich nicht die – vielleicht verschollenen – Originalseiten Uderzos zu Grunde lagen. Da der Carlsen Verlag sich mit seinen Alben ab 1990 auf die Jijé-Ausgaben konzentrierte, ist dies immerhin nach längerer Zeit ein Wiedersehen mit dem ursprünglichen Zeichner der Serie.

 

Comanche: Westernhighlight erstmals unzensiert

Deutlich mehr Mühe gibt sich der Splitter Verlag mit seinen Comanche-Ausgaben. Das ist allein daran abzulesen, dass die zehn Bände der Serie auch in der Gesamtausgabe jeweils einen eigenen Band erhalten. Dies ist ein wegweisender frankobelgischer Comic der 1970er Jahre. Autor ist der damalige Chefredakteur der Zeitschrift Tintin, Greg (das ist Michel Régnier), Zeichner Hermann (Huppen), der sich in dieser Zeit vom versierten Grafiker zum visionären Comic-Künstler wandelte.

 

Was Uderzo durchaus auch verdient gehabt hätte, hat die Redaktion hier geleistet: Sie hat sich nicht nur um beste Druckvorlagen bemüht, sondern präsentiert die Serie erstmals in Deutschland originalgetreu. Band 3 enthält das Abenteuer Die Wölfe von Wyoming, im Original erschienen 1973, bei dem Hermann und Greg an die Grenze damals noch akzeptabler Gewaltdarstellungen gehen, wenn etwa einem Banditen ein Indianerpfeil durch die Brust dringt. Der war in den bisherigen deutschen Ausgaben von Koralle und Ehapa wegretuschiert worden.

 

Das sehr informative Nachwort stammt von Volker Hamann. Ergänzend werden neben früheren Veröffentlichungen - wie bei Tanguy - auch Originalzeichnungen abgebildet, womit man Hermanns Schaffensprozess auf die Spur kommen will. Beigefügt ist auch ein Faksimile des Originalcovers. Es wurde auf dem Titel, aufgepeppt durch Glanzeffekte, erneut verwendet, obwohl Hermann für die französische Originalausgabe ein imposantes neues Cover angefertigt hat. Splitter spricht aber offenbar vor allem die alten Zack-Fans an. Diese Gesamtausgabe bietet für den verfolgten Zweck das Bestmögliche: Comanche-Alben in sorgfältiger Bearbeitung und Luxusausführung – ein Muss für den Altfan, der schöne und nahezu perfekte Ausgaben seiner Lieblingsserien besitzen möchte. Nicht enthalten sind in dieser Gesamtausgabe die Alben, die nicht mehr von Greg und Hermann stammen.

 

Zweitklassige Ritterserie in guter Aufmachung

Für den Belgier François Craenhals hat sich 1966 nach mehr als 15 Jahren Arbeit für Tintin mit seiner Serie Roland Ritter Ungestüm ein Traum erfüllt. Volker Hamann beschreibt in seinem Nachwort im ersten Band der Cross Cult-Gesamtausgabe anschaulich, wie Greg eigentlich das Magazin modernisieren sollte, die noch von seinem Vorgänger als Chefredakteur, Marcel Dehaye, in Auftrag gegebene Mittelalterserie den Relaunch aber überstand. Craenhals hatte endlich den Stoff gefunden, dem er sich leidenschaftlich widmen konnte, und lieferte mit den 20 Alben seine besten Arbeiten ab. Er arbeitete an der Serie bis kurz vor seinem Tod 2004.

 

Dennoch gehört Roland zur zweiten Garnitur frankobelgischer Comics und war auch nicht in Zack, nur in dessen Taschenbuch-Ableger Zack-Parade vertreten. In der zweiten Hälfte der 70er Jahre, noch bevor Comics auch als Medium für ältere Jugendliche und Erwachsene anerkannt wurden, veröffentlichten Carlsen und Feest dann einen Teil der Alben auf deutsch, die antiquarisch noch immer relativ preisgünstig zu erwerben sind.

 

Mit dieser Gesamtausgabe zielt Cross Cult daher wohl weniger auf alte Fans als auf Käufer, die den Titel bisher nicht kannten. Roland Ritter Ungestüm ist akkurat und detailreich gezeichnet, die Storys sind spannend und unterhaltsam, aber Craenhals verlässt – jedenfalls in den frühen Alben – niemals die Bahnen der Genreregeln, erschafft bestenfalls skurrile, aber niemals gebrochene Charaktere und bietet damit saubere, aber für Ältere wenig aufregende Jugendunterhaltung. Bezeichnend, dass die Erläuterungen von Hamann hier in beiden bisher erschienenen Bänden recht ausführlich ausfallen – Roland ist eine Serie, die ein wenig angepriesen werden muss. An Aufmachung und Ausstattung des Cross Cult-Projekts ist übrigens nichts auszusetzen: Sorgfältige Bearbeitung, guter Druck, ansprechende Aufmachung der Einbände.

 

Peter Wiechmann und seine Liebe zum Western

Eine eigenwillige Gesamtausgabe, wiederum bei CrossCult verlegt, ist schließlich Hombre. Ein zweiter Band ist geplant. Es handelt sich um eine Reihe von Westernstorys unterschiedlichen Umfangs, die der frühere Chefredakteur des Zack-Konkurrenzprodukts Primo, Peter Wiechmann, zusammen mit dem spanischen Zeichner Rafael Méndez für das Magazin Yps produzierte. Yps wurde in den 70er Jahren von Gruner & Jahr herausgegeben und ging mit beigefügten Gimmicks auf dem Comic-Markt neue Wege. Die Comics im Magazin hatten, obwohl hochrangige Serien darunter waren, geringere Bedeutung.

 

Keine der fünf im ersten Band versammelten Hombre-Geschichten ist länger als 18 Seiten. Wiechmanns von seiner Arbeit für Kauka her bekannter, schnoddriger und ein wenig selbstironischer Erzählstil ist auch hier unverkennbar. Er schreibt selbst das Nachwort, das allerdings zu einem persönlichen Bekenntnis zu seiner Western-Liebe von klein auf abdriftet und für Hombre nur wenige Zeilen übrig hat, vermutlich weil Wiechmann seine Yps-Beiträge nicht eben als Höhepunkt seiner Karriere empfindet. Schwachpunkt der Serie ist aber eher die Grafik von Méndez. Der ist ein durchaus fähiger Illustrator mit elegantem Strich und Sinn fürs Detail, zeigt aber zumindest hier - Méndez schuf weitere Serien für Kauka - Mängel im Erzählen in Bildern: Die Seitenaufteilung ist uninspiriert, Figuren sind mitunter leicht verwechselbar, das Wichtige fällt oft nicht oder unzureichend ins Auge.

 

Das Verdienst von Cross Cult liegt bei Hombre vor allem darin, eine weitgehend unbeachtete und vergessene Comic-Serie wieder zugänglich zu machen. Die Serie ist kein Höhepunkt des Comic-Handwerks, aber allemal so gut wie manch anderes Material, das neu aufgelegt wurde. Wie Roland ist auch dieser Band reichhaltig ausgestattet. Als Bonus werden zwischen den Storys Informationen und Bildmaterial zum Wilden Westen geboten. Über die Publikationsgeschichte von Hombre ist freilich so gut wie nichts zu erfahren, wie das auch bei anderen Comic-Gesamtausgaben festzustellen ist. Einzige Ausnahme ist Comanche. Splitter gibt einen Überblick über alle Hermann-Alben und die weiteren erschienen Bände. Die anderen Verlage meiden solche Übersichten, weil sie nicht sicher zu sein scheinen, ob sie ihre Reihen auch wirklich zu Ende führen können.

 

Von einer Gesamtausgabe wie in der Literatur sind die Comics noch weit entfernt. Die Buchrücken machen sich zwar gut im Regal. Aber ein Gesamtwerk verbirgt sich dahinter fast nie. Meist wird auch nicht die Comic-Geschichte erschlossen oder gar aufgearbeitet. An eine kritische Ausgabe mit einem Anmerkungsapparat ist nicht zu denken. Doch wie viele Comic-Leser würden so etwas überhaupt wollen?


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