Gerhard Stadelmaier: Parkett, Reihe 6, Mitte. Meine Theatergeschichte
16.09.2010
Der kritisierte Kritiker
Merkwürdig ist es schon. Welchen Hass, welche Wut vermag ein Kritiker wie Gerhard Stadelmaier auf sich zu ziehen. Mit welchem Eifer wird er beschimpft und begeifert. Wie milde wird im Vergleich dazu mit der maßstablosen Kritik von Abiturienten umgegangen, mit den landauf landab nachgedruckten Rezensionen von dpa-Korrespondenten, denen ein Repertoire von maximal dreißig Attributen zur Verfügung steht und die es kaum schaffen, zwei korrekte deutsche Sätze in Folge zu formulieren. Von Stil wagen wir gar nicht zu sprechen. Wir sind ja schon zufrieden, wenn die Grammatik beherrscht wird. Von THOMAS ROTHSCHILD
Christian Schultz-Gerstein, der selbst bei der ZEIT und beim Spiegel Erfahrungen sammeln konnte, ehe er sich das Leben nahm, hat einmal auf die angemaßte Autorität hingewiesen, die Mitarbeiter großer überregionaler Medien allein dadurch gewinnen, dass sie eben mit diesen Medien identifiziert werden. Ihre Bedeutung ist sekundär. Das muss freilich nicht heißen, dass sie unfähige Hochstapler sind. Manchmal sind sie es. Die Überschätzung der eigenen Bedeutung ist allerdings eine Berufskrankheit, von der auch so mancher Anfänger eines Kreisblättchens befallen sein kann.
Gerhard Stadelmaier schreibt für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Es gehört zu den Aporien der öffentlichen Wahrnehmung, dass auch die Verächter der F.A.Z. wie gebannt darauf schauen, was deren Feuilleton verkündet. Und so ist Stadelmaier eine Instanz, unabhängig von seinen Qualitäten. Dieser verliehenen Bedeutung verdankt er es freilich auch, dass er wohl der meist gehasste Theaterkritiker unserer Gegenwart ist. Wenn er verreißt, dann wird das nicht am Verriss eines schreibenden Gymnasiasten in der Provinzpresse gemessen.
Und Stadelmaier verreißt gerne. Wobei es bemerkenswert ist, dass Verrisse für alle Ewigkeit im Gedächtnis – vor allem der Betroffenen – hängen bleiben, während Lob und Anerkennung schnell vergessen sind. Das kommt: Verrisse bedeuten nicht nur für die Verrissenen, sondern fast mehr noch für jene, denen das Verrissene gefallen hat und die sich ihr teuer bezahltes Vergnügen nicht vermiesen lassen wollen, eine narzisstische Kränkung. Man will sich nicht attestieren lassen, dass das eigene positive Urteil falsch war. Andererseits, das soll nicht verschwiegen werden, verdanken Verrisse den Beifall oft der Schadenfreude derer, die es nicht getroffen hat, die ungerupft davongekommen sind.
Dabei muss man Stadelmaier zugestehen, dass er, anders als sein berühmter Kollege aus der Sparte Literatur, seine negativen Urteile stets präzise begründet. Und noch eins kommt hinzu. Gerhard Stadelmaier ist ein hervorragender Stilist und ein witziger Autor. Wenn Feuilleton etwas anderes sein soll als eine theaterwissenschaftliche Abhandlung, dann zählt auch die Sprache, wenngleich das mancherorten vergessen zu werden droht. Der stilistische Dilettantismus, ja die pure Sprachschluderei, die in den Kulturteilen der Zeitungen und auch im Rundfunk heute eher die Regel als die Ausnahme sind, haben eine Kultur zerstört, die in den deutschsprachigen Ländern einst in Blüte stand.
Böswillig oder exakt?
Es beginnt mit einer Kollegenschelte. Die Gemeinten reagieren pikiert. Wer will sich schon als „nach allen Seiten offen, also nicht ganz dicht“ oder als „Opportunist“ charakterisiert sehen. Und es macht einen nicht gerade sympathisch, wenn man sich selbst aus der Kritik ausnimmt. Andererseits: wie sollte man glaubwürdig schreiben, wenn man nicht von seinen Urteilen überzeugt ist? Arroganz und der selbstbewusste Kampf für einen Journalismus, den man für richtig hält, sind nicht immer leicht zu unterscheiden. Dass es unter den Kritikern viele Stümper gibt, lässt sich nicht leugnen, und dass Stadelmaier, was immer man von ihm halten mag, nicht dazu gehört, ist gewiss.
Was man ihm allenfalls vorwerfen kann, ist die Empfindlichkeit, die er in der mittlerweile legendären Spiralblockaffäre an den Tag gelegt hat. Wer austeilt, sollte auch einstecken können. Nicht Polemiken sind das Übel. Sie beleben den mit Gefälligkeiten und PR-Mentalität ohnedies überfrachteten Alltag. Wünschenswert aber wäre eine Polemik in der Sache, über Ansichten und Haltungen, nicht gegen Personen, jedenfalls dann nicht, wenn sie nicht als solche übel handeln, politisch gefährlich sind und Schaden anrichten. Opportunismus, Verlogenheit, Heuchelei dürfen schon angeklagt werden, nicht jedoch die Tatsache, dass jemand eine Meinung hat, die man nicht teilt. Man mag sich bemühen, diese Meinung mit Gründen zu widerlegen. Sie jemandem zum Vorwurf zu machen, zumal wo es um Geschmacksurteile oder deklarierte Prämissen geht, ist kleinlich und letzten Endes nur ein Ausweichen vor dem Argument.
Statt die Gekränkten zu spielen und den Konkurrenten zu zensieren, sollten die Kollegen fragen: stimmt, was Stadelmaier schreibt, oder stimmt es nicht, genauer: ist es als Meinung nachvollziehbar, oder ist es das nicht. Das allein zählt. Stadelmaier schreibt (und es ist im Kontext gar nicht negativ gemeint): „Die Gefährdung der Schauspielerin Kirchhoff ist ja, seit sie in Peter Steins Schaubühne ganz jung schon veredelt ward und zuletzt in dessen ‚Faust‘ als Helena wenig mehr als edel schritt: das Zeremonielle.“ Ist das falsch oder nicht vielmehr äußerst präzis? „Man aktualisiert noch das Unaktuellste, Fremdeste, damit es einen ja nicht mit etwas Unvorhergesehenem, nie Gedachtem, schrecklich Schönem oder schön Schrecklichem überraschte.“ Eine böswillige Überzeichnung oder eine exakte Diagnose des Status quo? Falsch an diesem Satz ist lediglich das „nie Gedachte“. Da es im Text steht, wurde es auch gedacht.
Gewiss nicht links
Und dann wiederum schwärmt Stadelmaier von Klaus Michael Grüber, von Marthaler, von Rolf Boysen und Thomas Holtzmann in Thomas Bernhards Der Schein trügt, von Peter Steins Drei Schwestern, von Peter Zadeks Iwanow und Kirschgarten (und überhaupt von Tschechow) und auch von Zadeks Hamlet, von George Tabori und mehrfach von Andrea Breth und Luc Bondy, von Ariane Mnouchkines Atriden oder von Peter Brooks Sturm wie ein Kind, das an Wunder glaubt.
Aber anders als weniger begabte Kritiker begründet Stadelmaier auch seine Begeisterung, begnügt er sich nicht mit der mehr oder weniger euphorischen Äußerung seines eigenen Behagens (obgleich er gerne mit der Erwähnung seines Glücksgefühls endet). Ist es wirklich von der Hand zu weisen, dass die genannten Regisseure Maßstäbe gesetzt haben, die es erlauben, geringere Talente als solche zu identifizieren? Stadelmaier spielt, wie vor ihm Heinz Schlaffer, mit der Doppelbedeutung des Wortes „Geschichte“, wenn er seine Sammlung von Zeitungsartikeln im Untertitel „Meine Theatergeschichte“ nennt. Er hatte offenbar kein Bedürfnis, seine Buchseiten an das Mittelmaß zu verschenken. Das Lob überwiegt. Ist das der Stadelmaier, den man zu kennen meint?
Und wer hätte bei Stadelmaier, der sich gewiss nicht der Linken zurechnet, den folgenden Satz vermutet: „Ein bisschen mehr Marx täte vielleicht mal wieder gut. Wenigstens wenn es um Könige geht.“ Das schrieb er 1999. Dass er sich damit auf der Welle einer Konjunktur bewegt hätte, kann man nicht behaupten. Aber vielleicht ist genau das es, was Stadelmaier interessant und bei vielen verhasst macht: die Lust an der Provokation. Für einen Kritiker keine schlechte Eigenschaft.


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