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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:55

Jürgen Flimm: Das Salzburger Kapitel 1987-2010

23.09.2010

Salzburg am Meer

Zuerst sagte Neil Shicoff ab. Der amerikanische Star, der die Titelrolle in Benvenuto Cellini singen sollte, war von der österreichischen Kunstministerin bei der Besetzung des Direktorspostens an der Wiener Staatsopern schnöde übergangen worden, den ihm der Bundeskanzler in einem sonderbaren Verständnis von Demokratie zuvor versprochen hatte. Gekränkt wollte Shicoff auch mit Salzburg nicht mehr zu tun haben ... Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Dann teilte Vesselina Kasarova kurzfristig mit, dass sie wegen einer Verletzung die Rolle in der Berlioz-Oper nicht singen könne. Danach hat auch das „Traumpaar“ Anna Netrebko und Rolando Villazon abgesagt, das an längst mehrfach überbuchten Konzerten teilnehmen sollte. Jürgen Flimm attackiert das Starsystem. Neil Shicoff und Vesselina Kasarova, Anna Netrebko und Rolando Villazon aber hat er selbst zuvor engagiert. Wie ernst kann man jemanden nehmen, der über seine eigenen Fehlgriffe redet, als hätte sie ihm jemand anderer aufgedrängt?

 

Absagen gehören, wie die sie meist verursachenden Erkrankungen, zum Alltag. Zur scheinbaren Katastrophe werden sie erst durch ein System, an dem der nun scheidende Intendant der Salzburger Festspiele Jürgen Flimm fleißig mitgestrickt hat. Wo einige wenige Sängerinnen und Sänger zu Superstars hochstilisiert werden, erscheinen sie – jedenfalls ihren Bewunderern, die sich um Eintrittskarten balgen – unersetzbar. Flimms Vorgänger Peter Ruzicka hatte die Netrebko „entdeckt“ und immer wieder in den Vordergrund gerückt. Den Rest erledigten ihre PR-Manager und die Medien. So weit, so gut. Es wurde hinreichend kommentiert. Statt es aber dabei bewenden zu lassen, musste Flimm die Netrebko (und mit ihr seinen Vorgänger) in Interviews verkleinern, um zugleich anzukündigen, „seine“ Entdeckung, die Armida Annette Dasch, werde zumindest ebenso sensationell sein wie die Netrebko. Ob er der Sängerin damit einen Gefallen erwiesen hat, sei dahingestellt. Jedenfalls hat er die Starmaschinerei wieder um eine Windung höher geschraubt.

 

Fehlende Selbstkritik

Es täte den Salzburger Festspielen und dem Opernbetrieb überhaupt gut, wenn man sich wieder auf Gesamtleistungen konzentrierte statt auf superlativische Ankündigungen, die an einem verstauchten Knöchel oder einem entzündeten Kehlkopf scheitern. Dass Politiker unqualifizierbare Sprüche klopfen, sind wir gewohnt. Dass die ewige Präsidentin der Salzburger Festspiele leeres Stroh drischt, gehört offenbar zu ihren Pflichten. Aber musste auch der Intendant Jürgen Flimm sich als Maulheld beweisen?

 

Jürgen Flimm redet gern. Und so gilt auch für das Buch über Das Salzburger Kapitel 1987-2010 das gesprochene Wort. Die Jahreszahlen – eine Überraschung? Nun ja, Flimm rechnet nicht nur seine Salzburger Intendanz, sondern alles, was er seit der Regie von Raimunds „Bauer als Millionär“ dort erledigt hat.

 

Wenn Flimm retrospektiv über seine Inszenierungen spricht, ist er im Großen und Ganzen zufrieden. Selbstkritik gehört nicht zu seinen hervorstechenden Eigenschaften. Immerhin kann er sehr schön auch von Anderen sprechen, deren Arbeit er bewundert. Dass er zu den Liebenden unter den Regisseuren gehört, kann man ihm abnehmen. Über den damaligen österreichischen Bundeskanzler Schüssel, der ihm ein Privatflugzeug beschafft hatte, damit der Vielbeschäftigte die Intendantenfrage in seinem, Schüssels Sinne regeln könne, sagt Flimm: „Wolfgang Schüssel spielt in meiner ganzen Intendanten-Geschichte eine sehr gute Rolle. Zuvor hatte er mir Mitte August den österreichischen Orden für Kunst und Wissenschaft verliehen und eine äußerst geistreiche Rede auf mich gehalten.“ Auch so kann man Politik beurteilen.

 

Salzburger Schwerkraft

Bemerkenswert ist eine Formulierung, die Flimm gerne verwendet: er habe diese oder jenen „geholt“. Nicht gebeten, nicht eingeladen, nicht sich gewünscht, sondern „geholt“, wie einen Gegenstand. Man holt Brötchen vom Bäcker, die Post aus dem Briefkasten, allenfalls ein Kind aus dem Kindergarten oder die geraubte, selbst nicht befragte Helena aus Troja. In Flimms Rede figuriert er, der Zampano, als Initiator, die oder der Geholte als gehorsamer Befehlsempfänger. Die Sprache verrät eine Denkart.

 

Am Ende sagt Flimm etwas sehr Schlaues: „Diesem Aufsichtsgremium müssten mehr Fachleute angehören, die von großen Kulturbetrieben etwas verstehen, die daran interessiert sind, wie sich so ein Festival entwickeln müsste.“ Ach hätte er das doch zur Bedingung gemacht, als man an ihn glaubte und er seinen Intendantenvertrag aushandelte. Jetzt riskiert er nichts mehr damit. Aber er weiß wohl, dass sein Vorschlag für Österreich so utopisch ist, als wollte man Salzburg ans Meer verlegen.

 

Sympathisch ist auch Flimms Bekenntnis zur zeitgenössischen Moderne. Aber es ist nicht seine Erfindung, nicht einmal in Salzburg. Gérard Mortier ließ es ebenso verlauten, und was die von den Nazis Verjagten angeht, hat Peter Ruzicka geleistet, was man unter den gegebenen Umständen nur leisten konnte. Letzten Endes konnte Flimm seine Vorstellungen ebenso wie seine beiden Vorgänger nur in Ansätzen realisieren. Die Trägheit des Vehikels Salzburger Festspiele, die eingefahrenen Mechanismen in Verbindung mit dem Konservatismus der ständischen österreichischen Gesellschaft paralysieren jede reformatorische Anstrengung, die mehr sein will als kosmetische Verschönerung oder publizistischer Gag. Die „Schwerkraft“ Salzburgs, wie Flimm es nennt, und die fortlebenden ästhetischen Vorstellungen der Nazi-Zeit, die er nicht erwähnt, die man aber tagtäglich in Leserbriefen nachlesen kann und die nicht zuletzt den Erfolg rechtsradikaler Parteien bei den Wählern ausmachen, haben Mortier, Ruzicka und Flimm erdrückt, und verdächtig macht sich, wer sich daraus immer wieder erhebt wie ein Stehaufmandl (das auch ein Stehaufweibl sein kann).

 

Flimms Gesprächspartner und Mitverleger ist der in Salzburg lebende Schweizer Journalist Andres Müry, der es schafft, Aufträge von den Festspielen anzunehmen und zugleich in unabhängigen Medien darüber zu berichten. Aber wahrscheinlich gilt als altmodisch, wer solche Praxis für mit journalistischer Ethik unvereinbar hält. Man muss nur von ihr wissen, ehe man eine kritische Auseinandersetzung mit Flimms Arbeit erhofft. Die will und darf Müry, der bei Flimm während dessen Kölner Intendanz als Dramaturg gearbeitete hat, nicht leisten. Er ist der Steigbügelhalter für Flimms Selbstdarstellung, mehr kann er nicht sein, und so verhilft er dem Alleskönner zu jener Rolle, die er ohne Zweifel am besten beherrscht: die Selbstdarstellung eben. Einmal mehr, wie in einem Großteil der Publikationen zu den Salzburger Festspielen, verzichtet man auf eine deutliche Trennlinie gegenüber der PR.

 

Das Schönste an dem querformatigen Büchlein sind die Bilder. Aber wenn‘s um Bühnenkunst geht, ist ein unbewegtes Medium halt nur ein Notbehelf.


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