Edward W. Said sieht uns entgegen mit der hellwachen Melancholie eines Grandseigneurs aus der aristokratischen Sphäre Luchino Viscontis. In der Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann erschienen nun gesammelte Musik-Aufsätze (verfasst von den achtziger Jahren bis kurz nach 2000) des palästinensisch-amerikanischen Publizisten und Gelehrten, der zusammen mit seinem Freund Daniel Barenboim das East-Western Divan Orchestra begründete, in dem junge Musiker aus Israel und den arabischen Ländern (aber auch dem Iran) auf hohem Niveau zusammenspielen und damit internationales Aufsehen erregen. Said gehörte als Kenner und Bewunderer der „westlichen“ Literatur und Musik und schriftstellerischer Vermittler verschiedener Kulturen selbst zu den Menschen „ohne Grenzen“, so dass der etwas vollmundig-brackwässerige Titel denn doch einige Berechtigung hat. Mit knapp 68 Jahren starb Said 2003 an Leukämie.
Der stattliche Band enthält Arbeiten von sehr unterschiedlichem Gewicht, darunter vor allem Opern- und Konzertkritiken sowie Buchrezensionen für amerikanische und englische Zeitschriften. Manchmal handelt es sich um Sammelberichte, die vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen: eine im Buch-Kontext nicht eben erquickliche Lektüre, auch wenn es dabei immer wieder treffende Beobachtungen und Gedanken gibt wie bei einem Text, der mit der Schilderung der exzentrisch-genialen Dirigierart von Sergiu Celibidache beginnt, um dann leider bald abzubrechen und sich mit minder Interessantem zu beschäftigen.
Geradezu ungut ist die Abfertigung des von Gottfried Wagner, einem Urenkel Richards und Sohn Wolfgangs, geschriebenen autobiographischen Buches „Der nicht mit dem Wolf heult“; es mochte ja Gründe geben, dass einem dieses besonders sendungsbewusste Mitglied des Wagnerclans auf die Nerven fiel, aber Said verfährt grob unfair, wenn er von ihm neue Erkenntnisse des Richard’schen Werkkanons einklagt und dabei Gottfrieds im Rahmen Bayreuths vor der Jahrtausendwende noch einsames Streben nach Vergangenheits-Aufarbeitung und seine (gewiss nicht von eifernden Zügen freie) Hinwendung zu Israel ins Zwielicht zerrt.
Natürlich gehörte Said zu den aufgeweckten Musikintellektuellen New Yorks, die sich an der institutionellen Korruptheit und ästhetischen Dauerlähmung der „Metropolitan Opera“ wundrieben und gleichfalls der Architektur und Akustik der Avery Fisher Hall, der Konzerthalle des Lincoln Center, nichts abgewinnen konnten. Aus europäischer Sicht scheint eine Fixierung auf insbesondere das repräsentative Opernhaus aber ziemlich irrelevant; die Leiden eines passionierten Opernfreundes an abgewetzten, hierzulande längst ausgemusterten Opernszenikern wie Otto Schenk, Franco Zeffirelli oder Jonathan Miller (mit diesem geht Said gnädiger um) erwecken da höchstens ein Achselzucken.