Jaron Lanier: Warum die Zukunft uns noch braucht.
11.11.2010
,,Wir fühlten uns so frei"
Die digitale Revolution überschreibt ihre Kinder. Der Erfinder der Virtuellen Realität, Computerwissenschaftler und Web-Prophet der 90er Jaron Lanier rechnet in einem Manifest mit der Singularität und dem Web 2.0 ab, während das ehemalige Sprachrohr der ersten Webgeneration Wired den Mega-Corporations die Macht zuspricht. Die Gründerväter des Webdiskurses ziehen ihren Hut. Von DENNIS KOGEL
Schenkt man den Theorien der Computerwissenschaftlerin Wendy Hui Kyong Chun Glauben, so ist eine der grundlegenden Eigenschaften moderner Software und komplexer Programmiersprachen, ihre Tendenz zur Überschreibung des kulturellen Gedächtnis. Die Vorstellung, Windows hätte sich vor 15 Jahren anders angefühlt, dass sich Videospiele über komplexe Sätze („Benutze Boot mit Baumstupf“) haben steuern lassen, aber auch, dass Wrens, Frauen in der US Navy, die ersten „Computer“ waren: unmöglich. Schaut man sich Gadget an, das Manifest des ehemaligen Technopropheten Jaron Lanier, so ist es ein bisschen, als würden gerade die großen Helden des 90er Webs überschrieben werden.
Jaron Lanier war in den 80ern einer der ersten, die mit virtueller Realität experimentierten, und verkörperte mit seinen Dreadlocks so etwas wie das Ideal des Cyberpunk Propheten. Seitdem zählt Lanier als einer der wichtigsten Köpfe der Computerwissenschaft und des Webdiskurs, ist als Musiker aktiv, hält einen Platz in der Times 100 Liste und kritisiert die anti-humanitäre Haltung der technologischen Silicon Valley Elite. Die Kritik in Gadget ist aber vor allem eins: Ein wehleidiges Zurückblicken auf einen Zeitpunkt der Computergeschichte, in dem sich alles hätte anders entwickeln könnte. Virtual Reality statt E-Commerce.
Lanier ignoriert Einfallsreichtum
Gadget rechnet ab mit allem, was die moderne Web- und Popkultur auszumachen scheint. Dabei macht Lanier, eigentlich bekannt für bedächtige Philosophie und heftige Liebe zu Kopffüßern, sich furchtbar angreifbar und wiederholt die Argumente von unzähligen Medienapokalyptikern vor ihm, als ob die Frankfurter Schule ins Silicon Valley verlegt wurde. Nur noch „Dumpfe Massen“ kaum unterscheidbar von Automaten bevölkern die verweblichte Welt, standardisierte Webauftritte wie Facebook oder Blogspot rotten die menschliche Kreativität aus und ein „kybernetischer Totalitarismus“, ein „digitaler Maoismus“ bestehend aus Open Culture und Konsorten schließt sich zusammen zu einer Religion der Singularität, während die Trolle den letzten intellektuellen Widerstand durch LOLs aus dem Web treiben. Die Popkultur kapituliert und kann seit den 90ern keine Antworten bieten und auch keine Identitäten für die verdummte Generation Facebook stiften. Indierock? Retroblödsinn! Remixe? Kreativer Ausverkauf! Techno? Einheitsbrei für Nerds!
Lanier bemängelt die Unmenschlichkeit des Web, die den User auf eine Anzahl bestimmter Optionen reduziert, ignoriert aber in seiner Sehnsucht nach dem Versprechen der virtuellen Realität, so viele Anwendungen und so viel Einfallsreichtum von unzähligen Web-Usern, die trotz Facebook nicht verdummen, ihre Zeit damit zubringen im Indie-Spiel Liebling Minecraft Computer zu bauen oder sich der Maker-Bewegung anschließen. „Die Masse“ existiert nicht, sie wird herbeigeschrieben. In seiner Suche nach Menschlichkeit und Liebe in der digitalen Kultur, verwirft Lanier vieles, was Menschen aus Liebe im Netz tun. Er erschafft einen Strohmann, den er gekonnt auseinandernimmt, während anderswo großes geschieht.
Blickt man aber auf die andere Seite des Web-Diskurs, wird ein wenig die Absurdität Laniers Argumente klar. Anlaufstätten für die Singularitätsgläubiger und Technophilen Nerds wie TechCrunch, ReadWriteWeb, Engadget oder Slashdot verehren keine Roboterherrscher und cloudbasierte Serverfarmen, sondern Gadgets, die menschliche Bedürfnisse erfüllen sollen. Das einstige Sprachrohr der Cyberkultur, das Magazin Mondo 2000, erscheint schon längst nicht mehr, die Autoren kuratieren dafür Boing Boing und schreiben über Literatur, Copyright und menschgemachte Kuriositäten. Im Pop-Science-Fiction Blog io9, wo Singularität, Roboter und Posthumanismus in all seinen Formen zelebriert werden sollte, schreibt Herausgeberin Annalee Newitz darüber, dass es nichts wird mit der Singularität. Nur Wired scheint noch den unbedingten Fortschritt zu verehren. Aber nicht mal hier scheint es die unmenschlichen „digitalen Maoisten“ zu geben.
Überall Krise? Nicht ganz.
Im vielverlinkten Artikel The Web Is Dead. Long Live the Internet schreibt Wired-Chefredakteur Chris Anderson, der digitale Konzepte wie Long Tail und Freemium entscheidend geprägt hat, sowie der Autor Michael Wolff darüber, dass das einst wilde Web von Megacorporations gezähmt wurde. In einer gestellten Debatte einigen sich Anderson und Wolff darauf, dass die einstige Utopie des Netzes zum Kontrollverlust geführt und die User zu marktabhängigen Dronen trainiert hat. „Das offene Internet war schon immer eine Fiktion“, schreibt Anderson. „Blame human nature. Auch wenn wir auf intellektueller Ebene Offenheit wertschätzen, letztendlich suchen wir uns doch immer den bequemsten Pfad“, und Wolff stimmt zu „Google […] hat eine Umwelt geschaffen, in der es unmöglich wurde mit Google im Wettbewerb zu stehen.“ Nur noch Facebook, beherrscht von einem „größenwahnsinnigen“ Mark Zuckerberg, hat eine Chance – aber nur weil Facebook ein alternatives Netz geschaffen hat.
Es scheint, als wäre die Netz-Apokalypse weit vor der Singularität angekommen. Megacorporations beherrschen das Netz, Kreative verarmen, User verdummen, virtuelle Realität ist nicht. Überall Krise? Nicht ganz. Jedes System, sei es Demokratie, Menschlichkeit oder Männlichkeit ist immer gefangen in einer fortwährenden Krise. Die Krise ist der Dauerzustand, der uns hilft ein System gegen „das Außen“ zu definieren.
Jaron Lanier und Chris Anderson verkörpern auf ihre Weise einen 20 Jahre alten Webdiskurs. Es ist Angst, die man in ihren Worten lesen kann. Darüber, dass es tatsächlich einen Kontrollverlust gab. Auf ihrer Seite. Nicht Lanier, nicht Anderson sind die prägenden Stimmen im Webdiskurs. Das Netz hat sich erbarmungslos weiterentwickelt und die alten Helden auf der Strecke zurückgelassen.
Gadget ist ein faszinierendes Buch. Als Manifest wird es wahrscheinlich von wütenden Netzkritikern vereinnahmt werden, dabei ist es als Kritik weitestgehend unbrauchbar. Wichtiger ist aber, dass es ausgehend von einem Moment, in dem das Netz anders hätte werden können, auf eine Ablösung der 90er Web-Gurus deutet. „Wir fühlten uns so frei“, schreibt Lanier über die Anfänge moderner Computerwissenschaft im Silicon Valley „aber wir hätten mehr nachdenken sollen.“ Ein ernüchterndes Fazit.


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