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Freitag, 25. Mai 2012 | 23:01

Joachim Rees: Künstler auf Reisen

25.11.2010

Das Bild der Reise

Die klassische neuzeitliche Künstlerreise ist zumeist nicht nur eine Bildungsreise, sondern auch eine Reise zum Bild. Joachim Rees stellt in dreizehn Essays reisende Künstler und ihre Bilder der Reise vor. Von SEBASTIAN KARNATZ

 

Neue Seheindrücke, überbordende visuelle Anregungen, die Überprüfung lieb gewonnener Gewohnheiten in der Konfrontation mit dem Unbekannten – es gibt sicherlich viele Gründe, warum sich Künstler in den letzten Jahrhunderten immer wieder zu beschwerlichen Reisen in die Fremde aufgemacht haben. Der artistische Zauber des Reisens wohnt dabei nicht allein der spätestens seit Goethes Reisetagebuch topisch gewordenen Italienreise inne, sondern beispielsweise auch der Reise Karl Friedrich Schinkels zu den schmutzigen Errungenschaften der britischen Großindustrie und der Zivilisationsflucht Paul Gauguins. Immer geht es darum, der eigenen Erfahrungswelt das Andere, das Unbekannte entgegenzusetzen. So sind viele dieser Künstlerreisen schon von vornherein von einem melancholischen Hauch des Scheiterns umweht. Denn das unverfälschte Andere, von dem der Pariser Börsianer Gauguin träumte, kann es im Grunde genommen im Eigenen nicht geben. Auf der Reise begegnen die Künstler zuallererst einmal ihrem eigenen Selbst.

 

Der Kunsthistoriker Joachim Rees hat diesem faszinierenden Kapitel der europäischen Kulturgeschichte nun eine Monographie gewidmet, die sich in dreizehn Beiträgen chronologisch geordnet dem Phänomen der Künstlerreise annähert. Rees spannt hier den Bogen Gentile Bellinis (um 1429-1507) fantastischen orientalischen Portraits am Hof Mehmeds II. bis hin zu Emil Noldes Forschungsreise nach Papua-Neuguinea zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er setzt damit programmatisch seinen Fokus auf das Konstrukt der neuzeitlichen Künstlerpersönlichkeit, die – im Gegensatz zum als Handwerker gedachten mittelalterlichen Künstler – ihre Reiseerfahrungen in künstlerischen Werken verarbeitet; gleichsam im bildlichen Dialog von Eigenem und Fremden.

 

Damit bringt sich Rees um eine mögliche perspektivische Erweiterung seines Themas. Die erstaunliche byzantinische Enklave in Ravenna, der denkwürdige europaweite Siegeszug der Gotik – all dies wären schlüssige Beispiele für einen durch Reisen entstandenen Kulturtransfer, der kein ausschließliches Insignum des neuzeitlichen Künstlers, sonder viel eher eine conditio humana ist. Die Forschung ist inzwischen mit gutem Grund davon abgekommen, den mittelalterlichen Künstlern kategorisch jegliche artistische Individualität abzusprechen.

 

Das Eigene manipuliert die Sicht auf das Andere

Von diesem grundlegenden inhaltlichen Einspruch abgesehen, ist Joachim Rees mit seinen kleinen Reisebeschreibungen jedoch ein durchaus unterhaltsames Stück erzählender Kunstgeschichtsschreibung gelungen. Rees verzichtet dabei fast vollständig auf strukturierende Theoriekonstrukte, er versteht sich hier vor allem als gelehrter Geschichtenerzähler – und dies ist selten zum Nachteil des Lesers. Der Autor versteht es, mit schlichter Prosa ein kulturgeschichtliches Panorama zu zeichnen, das in der Summe der exemplarischen Einzeldarstellungen tatsächlich so etwas wie eine Geschichte des Reisens in der Neuzeit ergibt.

 

Schön ist auch, dass sich Joachim Rees neben den geradewegs klassischen Reisen der Kunstgeschichtsschreibung – Dürer in den Niederlanden, Bernini in Frankreich – auch schillernden, pikturalen Naturforschern wie Mari Sybilla Merian und William Hodges zuwendet. Gerade hier hätte man sich allerdings durchaus auch einen etwas reflektierteren theoretischen Zugriff vorstellen können. Wie sehr die eigene Prägung manipulierend in die Vorstellung und bildliche Umsetzung des Fremden eingreift, bleibt bei Rees im Dunkeln.

 

Alles in allem ist Joachim Rees also eine gute lesbare Geschichte der neuzeitlichen Künstlerreisen gelungen, die trotz mancher Abstriche allen (Bildungs-)Reisefreudigen wärmstens ans Herz gelegt werden kann.


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