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75 Years of DC Comics. The Art of modern Mythmaking

25.11.2010

Helden in Strumpfhosen

Nahezu 7,5 Kilo schwer, 720 Seiten stark, 29 Zentimeter breit, fast 40 Zentimeter hoch – für die Chronik, die Paul Levitz zum 75. Geburtstag von DC vorlegt, gibt es nur ein Wort: imposant. Von LIDA BACH

 

„Only a small taste“, nennt der Autor sein Werk. Paul Levitz ist zu sehr Comic-Liebhaber, um es nicht ernst zu meinen. Die ausklappbare Zeittafel vermittelt einen Eindruck der „kleinen Kostprobe“. Länger als einen Meter ist die Chronologie von Verlagsgeschichte und -publikationen. „Die Kunst, moderne Mythen zu schaffen“, verfolgt der ehemalige Comic-Verleger und -autor von der Geburtsstunde des Mediums bis in die Gegenwart.

 

Richard F. Outcault vereinte im Jahr 1895 in The Yellow Kid alles, was der Begriff „Comic“ umfassen sollte. Ihm folgten Rudolph Dirks zwei Jahre später erstmals erschienene Katzenjammer Kids und Winsor McCays Little Nemo, der 1905 seine nächtlichen Reisen ins „Slumberland“ begann. In antiken Fresken, mittelalterlichen Wandteppichen und neuzeitlichen Buchillustrationen sucht man den Comic dagegen vergeblich. Diese früheren Kunstwerke wurden gestaltet von und für eine intellektuell und materiell privilegierte Elite. Der Comic ist ein Kind der Moderne. Und der Masse. Als einzige Kunstform wendete er sich von Anbeginn gezielt an die Unterschicht. Kunst, doch niemals Hochkultur. Comic ist Subkultur. Original Lowbrow. Die schundige Schönheit des Pulp zeigen die Cover der Serie Detective Comics, der der 1935 gegründete DC-Verlag seinen Namen verdankt.

 

Auf den zahlreichen Fotografien, die Levitz in Archiven und Privatkollektionen aufspürte, beugen sich Kinder in staubigen Hinterhöfen über Hefte. Superman war ein Held der Straße. Mit dem 1938 kreierten Umhangträger schlagen seine Schöpfer Joe Shuster und Jerry Siegel eine Brücke zwischen mittelalterlichem Ritterroman und moderner Populärkultur. Das emblematische „S“ auf dem blauen Kostüm wirkte in den Anfangsjahren der Superman-Comics fast heraldisch. Als schwarzer Ritter neben dem strahlenden Recken kämpfte ein Jahr später Bob Kanes Batman. In den folgenden Jahrzehnten entstand in den DC Comics ein komplexes Paralleluniversum, bevölkert von einer kaum überschaubaren Zahl von Charakteren mit wechselnden Biografien und ineinander verschlungenen Lebenswegen. Ihre Welt ist eine der Halbgötter, Dämonen und ruhelosen Helden. Eine Gabe ist oft auch ein Fluch und niemand entrinnt seinem Schicksal.

 

,,Das einzige, was ich bedaure, ist, keine Comics gezeichnet zu haben." (Pablo Picasso)

Der kreative Strom, der seit einem dreiviertel Jahrhundert aus den Federn der Autoren und Zeichner fließt, pulsiert in allen Schichten der modernen Kultur und Gesellschaft. Anfang der Neunziger lieft die alte Batman-Serie im Fernsehen. Wer gerade erst soviel lesen konnte, dass es für die „Zack“ - „Crush!“- und „Kawoom!“- Bubbles reichte, bekam einen Begriff von unfreiwilliger Komik und Selbstironie. Batman surfte in Badehose und Maske gegen den Joker auf einem Bat-Surfbrett mit dem Bat-Symbol. „Egghead“ Vincent Price fand es „egg-zellent“ Sachen „eggs-plodieren“ zu lassen. Höhepunkt der erotischen „Egg-zesse“ war Catwoman, die ihre Wange an die Batmans schmiegte – selbstverständlich, nachdem sie um Erlaubnis gebeten hatte.

 

Die einzige originale Superheldin des Goldenen Zeitalters entstand während des Zweiten Weltkriegs. Trotz ihres knappen Kostüms sah Wonder Woamn aber nie richtig sexy aus und war so lieb, dass kein Erzfeind sie bekämpfte. Das wahre feminine Pendant des Superhelden ist die Superschurkin. Wie er lebt sie ein geheimes Doppelleben mit bürgerlicher Existenz, hat eine schicksalhafte Vergangenheit und einen Erzfeind – den Helden. Dass selbst die nicht unbesiegbar waren, bekam DC Comics nach Kriegsende zu spüren. Schwindendes Interesse der Leser begleitete den Niedergang der Comics, welchen die Titel der Kapitel nachzeichnen. Nach dem silbernen und bronzenen Zeitalter umfing Mitte der Achtziger bis Ende der Neunziger ein zweites dunkles Zeitalter die DC Comics. Vielleicht war es diese Untergangsstimmung, der die pessimistischen und zynischeren Comicerzählungen der neunziger Jahre entsprangen. Die bis heute währende Moderne Ära markiert die Renaissance der DC Comics. Die über 700 Seiten des riesigen Sonderbandes wecken Vorfreude auf das Geschenk, das Paul Levitz den DC Comics und ihren Fans vielleicht zum 100. macht.

 

In einem einzigen Band den fiktionalen Charakteren gerecht zu werden sei unmöglich, schreibt Paul Levitz in seinem Vorwort. Mehr als 2.000 Abbildungen, 720 Seiten und ein riesiges Format  reichen nicht aus, um 75 Years of DC Comics zu bündeln. Wie der Titelheld auf einer Illustration sprengt die schiere Kraft des Werks alle Ketten, auch jene des Einbands. Diese winzige Schwachstelle macht erst den Satz wahr, der sich permanent aufdrängt: Dieses Buch ist wie Superman. Auch Superman kann nicht alles. Aber er kommt dem verdammt nah.


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