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Freitag, 25. Mai 2012 | 23:03

Marc-Antoine Mathieu: Gott höchstselbst

23.12.2010

Der Schöpfer im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

Nach zweijähriger Abwesenheit kehrt einer der hellsten Köpfe auf die Comic-Bühne zurück und beweist mit Gott höchstselbst, dass es so ein Kreuz ist mit der Originalität. Von FALK STRAUB

 

Über Marc-Antoine Mathieu braucht man nicht viele Worte verlieren. Der 1959 geborene Franzose studierte an der École des Beaux-Arts in Angers, bevor seine Karriere 1990 mit Der Ursprung so richtig durchstartete. Dem mehrfach ausgezeichneten Comic um Julius Corentin Acquefacques folgten bis 2004 vier weitere Bände. Mit den Geschichten über den Angestellten im Ministerium für Humor lieferte Marc-Antoine Mathieu schlichtweg eine der originellsten Reihen ab, die auf dem Comic-Markt in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu haben war. In seinem jüngsten Werk hat sich der Autor und Zeichner keinen Geringeren als den Allmächtigen höchstpersönlich vorgenommen.

 

Original und Kopie

Alles beginnt mit einer Volkszählung. Plötzlich steht da ein bärtiger Mann mit schlohweißem Haar vor den Beamten und behauptet, Gott zu sein. Die üblichen Reflexe werden bemüht: Anfänglichem Gelächter folgen Skepsis, Staunen und schließlich bedingungslose Euphorie, als Gottes Echtheit verifiziert scheint. Der Schöpfer wird zur Jahrhundertentdeckung stilisiert und – wie könnte es heutzutage anders sein – ordnungsgemäß vermarktet.

 

Möglichst jeder möchte vom göttlichen Kuchen ein besonders großes Stück abhaben. Postwendend wird Gottes Leben und Werk auf allen medialen Kanälen reproduziert. Auf den Film folgen das Theaterstück, der Comic und unzählige Bücher. Eine eigene Homepage, eine Spielshow und ein Freizeitpark dürfen nicht fehlen. Schnell tritt jedoch Ernüchterung ein. Als Sündenbock seiner eigenen Schöpfung wird Gott der Prozess gemacht – selbstredend live im TV.

 

Diesen medialen Hype, der unserer eigenen Realität näher scheint, als uns lieb ist, präsentiert Marc-Antoine Mathieu retrospektiv. Schon bei Gottes Ankunft auf der Erde handelt es sich um eine Fiktion in der Fiktion. Erst als ein Regisseur „Okay“ ruft, wird dem Leser bewusst, dass er auf den ersten sechs Seiten des Comics dem Ereignis nicht direkt beiwohnte, sondern einem Reenactment für den bevorstehenden Kinofilm aufgesessen ist.

 

Mit dieser Verschachtelung der Erzählebenen fährt Mathieu munter fort. Als loser narrativer Faden zieht sich durch Gott höchstselbst eine Fernsehreportage, bei der diverse Talkingheads ihre Statements über den Schöpfer direkt an den Leser adressieren. Durch die Rückschau bleibt diesem aber stets unklar, wie viel Wahrheit tatsächlich im Gezeigten steckt.

 

Das Verblassen der Aura

Seine Geschichte um eine Welt, in der die Wiederkunft Gottes zum medialen Irrsinn, der Schöpfer selbst zur Eier legenden Wollmilchsau mutiert, bringt Mathieu gewohnt routiniert zu Papier. Wie schon in den Geschichten um Julius Corentin Acquefacques verwendet er in seinen Panels ein wuchtiges Schwarzweiß, das von leichten Grautönen aufgelockert wird.

 

An die somnambulen Szenen und die kafkaeske Beklemmung der früheren Comics reicht er freilich nur selten heran. Es stellt sich jedoch die Frage, ob Mathieu dies überhaupt will. Definitiv zu viel gewollt hat er erzählerisch. Der Band gibt sich den Anstrich, Medienkritik, -reflexion und -referenz zugleich zu sein. Mag ersteres durch eine leichte Überspitztheit aktueller Mechanismen noch gelingen, hat man letzteres bei Mathieu schon weitaus origineller gesehen.

 

Auch auf das Theodizee-Problem fallen den Protagonisten während des Prozesses nur leidlich amüsante Antworten ein. Gemessen an seinen genialen Vorläufern ist Gott höchstselbst eine Enttäuschung. Genau wie Gottes Aura durch dessen mediale Dauerreproduktion im Verlauf des Comics zusehends verblasst, scheint auch Mathieu in seinem neuesten Werk etwas von der Aura früherer Tage verloren zu haben.

 

Fairerweise muss hier jedoch gesagt sein, dass Marc-Antoine Mathieu die eigene Messlatte enorm hoch gelegt hat. Aus der breiten Masse der Comics, die jährlich publiziert werden, sticht Gott höchstselbst trotz alledem positiv heraus. Manch anderer Autor und Zeichner würde sich wünschen, einen Ausrutscher auf solch hohem Niveau überhaupt einmal zustande zu bringen.

 

 

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