Blümle: Bäume im Stuttgarter Schlossgarten / Weitz: Der Stuttgarter Bauzaun
03.12.2010
Stuttgart 21 im Bild
Die Welt blickt nach Stuttgart, erwartete Ende November gespannt Heiner Geißlers Schiedsspruch und wartet, nachdem dieser erfolgte und den Konflikt eher zu vertagen als zu lösen scheint, auf die Fortsetzung einer Geschichte, die schon lange nichts mehr mit der gemütlichen »schwäbsche Eisebahne« zu tun hat. Zwei Bildbände des Tübinger Silberburg Verlages laden indessen zu Spaziergängen ein: dem Stuttgarter Bauzaun entlang (herausgegeben von Sybille und Ulrich Weitz) und mit Jürgen Blümle in die umkämpften Grünzonen: Bäume im Stuttgarter Schlossgarten. Von ANDREA WANNER
Es ist ein Idyll. Die drei Kilometer vom Neuen Schloss bis zum Beginn des Rosensteinparks lassen die Herzen von Baumfreunden höher schlagen. Es dominieren Platanen mit ihren hellen, gesprenkelten Stämmen, zu Alleen gereiht, die inmitten einer modernen Stadt noch eine architektonische Anknüpfung an Zeiten bildet, als hier Könige und Königinnen regierten. Bis zu 200 Jahre sind die Baumriesen alt, beeindruckend mit einem Umfang von bis zu 5,50 Metern. Neben Hängeweiden, Blutbuchen, Kastanien oder einer freistehenden Pyramideneiche finden sich auch exotischere Bäume, darunter eine Sumpfzypresse oder – vor dem Schloss – zwei aus China stammende Exemplare, ein Taschentuchbaum und ein Blauglockenbaum.
»Zu fällen einen schönen Baum, braucht es eine halbe Stunde kaum.«
Jürgen Blümle hat auf seinen Fotos die sommerliche Pracht der Bäume eingefangen. Strahlend blauer Himmel, ein Spiel von Licht und Schatten, unzählige Menschen, die inmitten des Zentrums ein Stück Natur genießen. Nicht einmal einem jahreszeitlichen Wechsel sind die grünen Giganten in diesem kleinen Bildband unterworfen. Scheinbar immergrün laden sie ein, Ruhe und Entspannung zu finden. Nein, im Jahr 2010 kann auch ein am Tag von Geißlers Schiedspruch erschienener Band über Bäume im Stuttgarter Schlossgarten nicht unpolitisch sein. Blümles Text ist kurz und zurückhaltend und dennoch eindeutig.
Es gibt keine Bilder von Baumfällaktionen, dafür ein Foto, das einen Blick auf den Bahnhof bietet, am rechten und linken Bildrand jeweils noch Teile eines Baumes zeigt: »Durch die erste Baumfällaktion in der Nacht zum 1. Oktober 2010 ist eine große Lücke im einst geschlossenen Baumbestand des Mittleren Schloßgartens entstanden.« Nach dem Motto »Weniger ist mehr« zeigt er nur einen von Gegnern des Bauvorhabens geschmückten Baum. Inmitten einer Vielzahl gesunder, stattlicher Bäume, die stehenbleiben werden, ein unvergessliches Bild. Als »kleiner, aber feiner Bildband über den großartigen Baumbestand« tituliert, bekommt man einen Überblick, der einen jenseits aller Argumente für oder gegen einen neuen Bahnhof an den klugen Vierzeiler von Eugen Roth erinnert:
»Zu fällen einen schönen Baum, braucht’s eine halbe Stunde kaum. Zu wachsen, bis man ihn bewundert, braucht er, bedenk es, ein Jahrhundert.«
Und so endet der Spaziergang wieder da, wo er begonnen hat, in unmittelbarer Nähe des Neuen Schlosses mit einer rhetorischen Frage: »Die bogenförmige Säulenfront des Württembergischen Staatstheaters gehört sicher zu den schönsten Bauten Stuttgarts. Doch wie wäre es um diese Schönheit bestellt ohne die Einbettung in das umgebende Grün der Bäume?«, die für den Autor keiner Antwort bedarf.
Bauzaun als soziale Skulptur
Die Bäume und ihre Besetzung waren ein markanter Ort des Protestes der Stuttgart-21-Gegner. Zum anderen wurde der Bauzaun, der mit Offenen Briefen, Karikaturen, Gedichten, Collagen, Fotos, Dokumenten und Zitaten die Phantasie des Protests – so der Untertitel von Der Stuttgarter Bauzaun – zeigte. Für die Herausgeber Sibylle und Ulrich Weitz ist die kreative Protestwand »eine soziale Skulptur im Sinne von Joseph Beuys«, eine spontan entstandene, überdimensionale Wandzeitung. Da findet man Stefan Mappus als Napoleon mit der Prophezeiung: »04. April 2011: Mappus im Exil auf St. Helena! nach S 21-Kapitulation und Wahl-Waterloo (CDU: 19,9%)«, eine Comicszene mit Donald Duck in der Episode »Der geschenkte Bahnhof«, in der Donald gerade die Tür des Panzerschranks mit dem Kommentar schließt: »Genau 324 Pauschalliarden, 783 Schwindillionen Taler und 93 Kreuzer! Und der ganze Mammon in Betontunnels mit halbierter Wandstärke sicher versenkt!« oder einen Toilettenpapierhalter mit einer Rolle Klopapier, jedes einzelne Abreißblatt mit »S 21« beschriftet.
Die sachlichen Auseinandersetzungen mit fundierten Argumenten und langen Diskussionen fanden und finden anderenorts statt, hier sind die Äußerungen pointiert, kritisch, witzig und engagiert. Es ist ein vielseitiger, bunter Querschnitt durch den Protest, ergänzt durch Auszüge aus Briefen und E-Mails und Statements, der die ganze Bandbreite zeigt und ein bisschen von dem ahnen lässt, was Tausende von Demonstranten an die Baustelle trieb und vielleicht noch treiben wird.
Bauzaun im Museum - Stuttgart 21 auch?
Die Kuratorin der Heilbronner Museen, Rita Täuber, liefert mit einem Beitrag über Joseph Beuys und seine Bedeutung für den Stuttgarter Protest einen theoretischen Überbau, die Autorin Ulla Lachauer fasst in einer Reportage ihre persönlichen Eindrücke von »Bauzaun und Bürgergarten« zusammen und der Literaturwissenschaftler Michael Kienzle entdeckt im Bauzaun das selbstbewusste Erstarken der schwäbischen Gesellschaft, deren Tugenden ja sonst eher im Schaffen und Häuslebauen liegen sollen.
Kienzle beobachtet, dass es an diesem emotional aufgeladenen Ort »eher zu guten persönlichen Gesprächen gerade mit Projektbefürwortern, denn zu handfesten Auseinandersetzungen« kam und freut sich in seinem Beitrag, dass diese »frühe Maßnahme der Deeskalation« ihren Platz im Haus der Geschichte Baden-Württemberg findet. Dieser Tage soll der Bauzaun abgebaut werden und noch im Jahr 2011 im Museum zu sehen sein. Ob Stuttgart 21 damit schon zu einem Stück Geschichte geworden ist, bleibt abzuwarten. Mit dem Bauzaun ist auf jeden Fall eine neue, kreative Protestkultur entstanden, so wie zu hoffen bleibt, dass es nach Stuttgart 21 eine neue Form der Einbindung der Gesellschaft in politische Entscheidungen geben wird.


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