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Freitag, 25. Mai 2012 | 23:03

David Prudhomme: Rembetiko

27.01.2011

Gossensound und Gassenhauer

Rembetiko, der »griechische Blues« – David Prudhomme versucht in seiner Graphic Novel, den speziellen Sound und das entsprechende Lebensgefühl dieser Musik einzufangen. CHRISTIAN NEUBERT hat Augen und Ohren offen gehalten.

 

Piräus, Mitte der Dreisiger: Stavros, Batis, Artemis und der, den sie Hund nennen, sind Nachtschwärmer, die, wenn sie nicht gerade die Haschischhöhlen der Hafenstadt mit ihrer Musik beschallen, sich mit Dealen oder Zigarettenschmuggel über Wasser halten. Normalerweise leben diese Rembetes, wie sie von den Leuten genannt werden, eher in den Tag hinein. Aber heute steht etwas Wichtiges an: Ihr Freund Markos wird aus dem Gefängnis entlassen.

 

Ein Wiedersehen mit Freude - und mit Wehmut

In dem halben Jahr, das Markos absitzen musste, hat sich einiges getan: Durch General Metaxas hat der europäische Faschismus mittlerweile auch Griechenland zu einer Diktatur werden lassen. Metaxas betrachtet den orientalischen Teil der Bevölkerung als Ursache für schwindende Moral und Dekadenz.

 

Auch den Rembetiko verabscheut er – jene Musik der verarmten Exilanten, die nach dem griechisch-türkischen Krieg 1922 eine neue Heimat in den Elendsvierteln der griechischen Großstädte suchten. So erklärt ein Gefängniswärter Markos kurz vor seiner Entlassung: »Eure Schuld ist es, Orient und Okzident in hypnotischem Gesang zu vereinen. Eure Musik klingt wie das Echo der großen Katastrophe von 1922. Die Faschisten ertragen es nicht, dass diese Niederlage einen Gesang gebiert. Sie wollen die Schmach tilgen. Also bringen sie ihre Stimmen zum Schweigen.«

 

Schlechte Zeiten für freie Geister

Was das für die Rembetes bedeutet, bekommt man vorgeführt, indem Prudhomme den Tag von Markus Entlassung nacherzählt. Diese 24 Stunden werden sich als schicksalhaft für die fünf Männer erweisen,  die kaum mehr als sich, ihre Musik und ihre Freiheit haben. Jeder von ihnen muss sich zwischen Aufbegehren und Resignation entscheiden.

 

Und inmitten dieses Dilemmas tut sich dann auch noch eine ganz andere Möglichkeit auf: Ein amerikanischer Musikproduzent ist auf der Suche nach vermarktungswürdigen Talenten – und meint, sie in den von Haschisch und Alkohol berauschten Rembetes gefunden zu haben, was ihnen Reichtum, Ruhm und nicht zuletzt Sicherheit versprechen könnte. Doch der Sound ihrer Auflehnung und Selbstbehauptung, die derbe Musik des kleinen Mannes – gefällig aufpoliert für die Wohnzimmer der Reichen? Beileibe nicht für jeden der Rembetes kommt dies als Option in Frage.

 

Ein Lied in 16 Panels

Prudhomme versucht mit Rembetiko, das Lebensgefühl dieser sich am Rande der Gesellschaft bewegenden Tagediebe einzufangen, wobei er sich stark auf ihren Haschkonsum und ihre musikalischen Darbietungen konzentriert. Mehrere Seiten sind einzig dem Zusammenspiel der Musiker und ihrem Publikum gewidmet, wobei die einzelnen Bilder den Ablauf der Lieder nachempfinden, gestaltet durch Tanz, Gesang und den Einsatz ihrer Instrumente. Die vorherrschende Gruppendynamik in den verrauchten Spelunken wird dabei sehr schön eingefangen.

 

Das Ganze ist vorwiegend in den dunklen, gedämpften Farben schummriger Kaschemmen und durchzechter Nächte gezeichnet, eingerahmt in das helle Licht des vergehenden und schließlich in das des aufkommenden Tages. Besonders hervorzuheben ist hierbei das Schattenspiel auf den ausdrucksstarken Mimiken der permanent bekifften Akteure. Daneben ist noch positiv zu erwähnen, dass sich der Verlag ein aufwendiges Handlettering geleistet hat.

 

Rembetiko stimmt ein Hochlied auf die Kraft der Kunst an, dargestellt anhand der auf einen Tag verdichteten Geschichte von fünf befreundeten Musikern. Die Verdichtung verleiht dem Band eine besondere Intensität, aus der er seine Stärke zieht. Diese liegt darin, dass der Leser ständig sehr nah am Geschehen dran ist – ein Eindruck, der dadurch, dass die komplette Handlung einzig durch Dialoge und eine geschickte Bildsprache konstruiert ist, noch verstärkt wird.

 

Dass das Land, die Leute und der zeitliche Rahmen, in dem die Geschichte spielt, gut eingefangen wurden, verleiht dem Ganzen darüber hinaus Stimmigkeit und Glaubwürdigkeit; Prudhomme scheint gut recherchiert zu haben. So etwas wie den Geist des Rembetiko fängt der Comic allerdings nicht ein, aber das dürfte auch kaum das erklärte Ziel gewesen sein. Dafür macht er jedoch augenblicklich Lust, sich mit dieser Form von Musik auseinanderzusetzen – wofür Prudhomme selbst, im Anschluss an sein Nachwort, einige Vorschläge unterbreitet.

 

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